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Don't Look Back 🌃 | Part II

  • Autorenbild: Carrie Dane
    Carrie Dane
  • 30. Nov. 2022
  • 6 Min. Lesezeit

- Kapitel 2 -

Auch ich stelle fest, dass mir Tränen in die Augen schießen. Sicher in wessen Gefühlsleben sie ihren Ursprung nahmen, bin ich mir nicht, doch vermutlich sind sie uns beiden geschuldet. Ich muss irgendetwas tun, damit zumindest er sich besser fühlt. Allerdings gibt das wie mir Rätsel auf. Eigentlich wünsche ich mir nichts mehr, als mich tief in mich selbst zurückziehen und für die Ewigkeit dortzubleiben.

… Und was wird dann aus ihm?

Die Schelte aus mir heraus ist derart lautstark, dass ich zusammenzucke. Trotz des vertrauten Klangs scheint eine leichte Disharmonie den mentalen Vorwurf zu begleiten und lässt mich aufmerken.

… War das wirklich ich?

Ich lausche angestrengter in mich hinein. Kurz darauf verliere ich den Halt und taumele kopflos in eine endlose Düsternis. Auf der Stelle weiß ich, wohin es mich verschlug und auch, wie schwer es mir beim letzten Mal fiel, aus dieser Verzweiflung zu entkommen. Hier unten gibt es nichts, was Hoffnung schenkt. In weiter Ferne, undeutlich und in der Schwärze kaum zu erkennen, mache ich ein winziges Fleckchen Land aus. Träge kämpfe ich mich durch die tiefdunklen Wasser auf die Insel zu, versuche Halt in dem morastigen Grund zu finden, doch ein ums andere Mal verliere ich den Boden unter den Füßen und die öligen Wogen verschlucken mich völlig.

Es dauert eine Unendlichkeit, doch irgendwann erreiche ich das Ufer. Geschwächt schleppe ich mich zu dem Fuß des verbrannten Baumes, das Einzige, das es hier neben Felsen und Morast noch gibt. Die ausladende Krone, deren kahle Äste knochigen Fingern gleich in Richtung des sternenlosen Nachthimmels greifen gewähren zumindest kümmerlichen Schutz.

… Und nun?

Ich habe keine Ahnung wohin. Vor allem erscheint es mir sinnlos. Hier ist es so gut wie überall sonst.

Kraftlos lasse ich mich gegen den Stamm sacken und schlinge die Arme um die Knie. Die steinerne Borke beißt sich in meinen Rücken und bildet zusammen mit dem aschgrauen Schlick ein harsches Lager, dass die Kälte mit jedem Moment weitertreibt.

Ratlos stiere ich in die Düsternis ohne eine Erinnerung, warum ich hier strandete. Ich versuche, mir den Grund dafür ins Gedächtnis zu rufen, doch alles, was ich erreiche, ist, dass der Ursprung seine Spur mit jeder Sekunde geschickter verschleiert. Dafür schlägt sich plötzlich, gänzlich ohne Vorwarnung, das Gefühl unersättlicher Hände, die nach mir greifen zu mir durch. Voller Panik bemühe ich mich, aus dem Schlamm hochzukommen, vor all der Gier zu fliehen, doch mit jedem Versuch schwindet meine Energie – mehr und mehr. Kurz darauf sacke ich nach vorn und gebe auf. Ein seltsames Gemisch aus Wollust und Widerwillen trägt mich mit sich mit, bis schließlich auch dies in der Leere verschwindet und kein Stück von etwas übrig bleibt.

Irgendwo regte sich ein Funke. Ein neuerliches Aufmerken, das etwas nicht zusammenpasst. Es reicht, um den Erinnerungen einen spaltbreit Raum zu geben.

Dies hier ist mein Ort – meine Zuflucht, erkenne ich. ...Und: ... hier war es nicht immer so!

Diese Gefilde waren tröstlich, sanftmütig und sicher. Ganz gleich wie düster die Kulisse schien. Selbst der verknöcherte Baum, auf diesem stillen Eiland diente als Zuflucht, nicht als verschlingendes Mahnmal des Dunklen.

… Was hat diesen Ort derart korrumpiert?

Beschwerlich hebe ich mein Gesicht aus dem Schlick und sehe mich um. Mit den Augen durchsuche ich die Finsternis, doch die Schwärze verschluckt nach wenigen Metern alles, wenn dort überhaupt noch etwas ist.

Nach kurzer Zeit gebe ich auf. Chancenlos drehe ich mich auf den Rücken, um zumindest mein Gesicht vor der Feuchtigkeit zu schützen, da bemerke ich das Leuchten. Ein blutroter Schimmer, von der blattlosen Krone fast verdeckt, zieht mich an.

… Wo kommt das her?

Nachdenklich richte ich mich auf und das Funkeln nimmt zu. Wie an einem unsichtbaren Faden emporgezogen komme ich auf die Füße. Irgendetwas sagt mir, dass in diesem Rot die Antwort liegt, trotzdem verstehe ich die Botschaft nicht und die kryptische Verschlüsselung treibt zugleich Unmut in mich.

… Was zum Teufel soll das?

Ungeduldig betrachte ich den Baum.

… Ob ich vielleicht an ihm hinaufsteigen kann?

Die Rinde ist schartig, gut möglich sie als Leiter zu gebrauchen. Ohne weiter darüber nachzudenken, beginne ich den Aufstieg, das blutrote Glimmen über mir dabei fest im Blick.

Gerade als ich den höchsten Ast erreiche, verschwindet es, wird geraubt von einer bleiernen Wolke aus Düsternis. Überrascht greift meine Hand ins Nichts und ich stürze ab.

Der Aufprall ist hart, doch der Matsch dämpft den Sturz. Beinahe im selben Moment stehe ich wieder auf den Beinen und Wut macht sich breit. Mittlerweile gelangt alles in mir zu der Überzeugung, dass etwas Fremdes mich daran hindert zu entkommen. Irgendjemand übernahm diesen Ort. … Meinen Ort! Einfach so, ohne um Erlaubnis zu fragen. Diese Dunkelheit hier ist falsch. All diese Hoffnungslosigkeit gehört an einen anderen Platz.

Das rote Glimmen kehrt zurück. Dieses Mal strahlt es unter den Wurzeln hervor. Unbeherrscht stürze ich auf die Knie und beginne zu graben. Tiefer und tiefer schlage ich meine Hände in den Schlamm und schaufele Lage um Lage fort. Vergebens. Der Untergrund ist zu weich. Mit jeder Fuhre, die ich zur Seite räume, rutscht eine Neue nach. Der aschgraue Modder gleicht Schleifpapier. Die Haut an meinen Fingern springt blutend auf, doch der Schmerz treibt mich nur weiter.

»... Jasper ...«.

… Hat gerade jemand nach mir gerufen?

Für einen Wimpernschlag bin ich versucht innezuhalten, doch wozu? Erneut ramme ich die Hände in den Schlick. Mittlerweile derart tief, dass ich bis zu den Ellbogen in ihm stecke. Doch auch diese Kuhle, die ich grabe, füllt sich binnen Augenblicken erneut.

»... Jasper! Hör auf!«

Dieses Mal bin ich mir sicher, dass dort eine Stimme war.

… Sie kam aus dem Leuchten, oder nicht?

Erneut hämmern meine Arme in den Boden. Als ich sie zurückreiße, halte ich ein Stück der Wurzel in den Fingern. Dieses Mal füllt sich die Lücke nicht. Verwundert starre ich auf das Loch zu meinen Knien, in das der Schimmer leckt.

»... Jasper! Du musst damit aufhören! Ich bitte dich.«

Aus den Tiefen vor mir schießt das Rot und reißt mich mit sich mit.

Für einen Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Das Chaos um mich herum weckt Erinnerungen, aber eigentlich kann das nicht sein.

»Jasper ... bitte lass los.«

Verwirrt sehe ich auf meine Hände und erschrecke.

»Was ...? Ich ...?« Hektisch gebe ich seinen Arm frei und starre auf die tiefen Wunden, die irgendetwas in ihn geschlagen hat.

… War ich das etwa?

Während ich unwillkürlich einen Schritt zurückweiche, stoße ich gegen eines der Trümmerstücke, die verteilt um uns herumliegen und strauchele. Im selben Augenblick steht Caleb neben mir und verhindert, dass ich zu Boden gehe. Irgendetwas in mir beginnt eins und eins zusammenzuzählen, noch bevor das Bewusstsein dazu in die Lage kam. Hektisch schüttele ich seine Hände von mir und springe einen weiteren Satz zurück.

»Geh‘ weg!«, schreie ich ihn an. »Ich-! Caleb ich will dich nicht nochmal verletzen!«

Bestürzt stiere ich auf seinen Arm. Immerhin der Knochen ist nicht mehr zu sehen, doch die Fasern und Haut schließen sich nur langsam.

… Mein Gott! Was habe ich bloß angerichtet?

Fahrig taste ich den Raum ab und finde Grund zur weiteren Bestürzung in einem der Bruchstücke, welches zuvor sein Flügel war. Ich habe kaum etwas davon übrig gelassen.

»Ich-. Caleb, ich ...! Es tut mir leid.«

Wie gelähmt sehe ich ihn an.

Augenblicklich schiebt er den verletzten Arm hinter seinen Körper und tritt einen langsamen Schritt auf mich zu. Erneut weiche ich zurück.

»Nicht. Bitte. Ich ... ich will-.«

»Es ist in Ordnung, Jasper. Hörst du! Du wirst mir nichts tun. Ich vertraue dir.«

Seine Versicherung ist echt, davon bin ich überzeugt und ein Teil in mir wünscht sich nichts sehnlicher, als ihm zu glauben, trotz alledem der zweite sieht das Chaos um uns herum und brüllt den anderen nieder. Wieder bringe ich weiteren Abstand zwischen uns.

Caleb verzieht das Gesicht, jedoch unternimmt er keinen neuen Versuch näherzukommen. Schweigend steht er vor mir und sieht mich an. Auf der Stelle steigt erneut das Elend in mir auf und mein Puls beginnt zu rasen. Kopflos stolpere ich in Richtung der Küchenzeile. Vielleicht ist es weit genug, um dem Ansturm seines Innenlebens zu entfliehen. Dort angelangt bin ich mir nicht sicher, ob die Entfernung reicht. Alles in mir schreit wild durcheinander. Wirklich erfassen, wie es mir geht, kann ich nicht.

Sekunden später stelle ich fest: Der Abstand reicht nicht. Das Gefühl der erdrückenden Schuld rammt sich ein weiteres Mal in meine Eingeweide und ich falle beinahe auf die Knie. Haltsuchend stütze ich mich auf die Anrichte und schließe die Augen. Die Angst, erneut in die freudlose Tiefe meiner maroden Seelenlandschaft zu stürzen, schnürt mir die Luft ab. Schwer atmend versuche ich mich zusammenzureißen, doch ich weiß nicht, an welcher Stelle ich beginnen soll. Alles in mir fühlt sich wund an.

… Sein Arm, begreift etwas die Schmerzen, nichtsdestotrotz verbessert diese Erkenntnis meine Situation nicht – im Gegenteil.

… Was habe ich nur angerichtet? Wie konnte ich ihn nur derart schwer verletzen?!

Das Karussell in meinem Kopf nimmt neuerliche Fahrt auf. Mein Herz hämmert gnadenlos gegen die Brust und peitscht Welle um Welle Adrenalin durch die Adern hindurch. Ob ich will oder nicht, mir wird übel und das Bedürfnis, mich zu übergeben, wird nahezu übermächtig. Blind tastend finde ich den Weg hinüber zum Spülbecken ... nur für den Fall.

Auf einmal verkommt all die verzweifelte Düsternis zu einem maßvollen Gefühl der Verantwortung. Gepaart mit verwirrter Betroffenheit und dem aufrichtigen Wunsch nach einer Entschuldigung, hebe ich irritiert den Kopf und sehe mich um. Von Caleb fehlt jede Spur und … ein Teil in mir ist froh, dass er verschwunden ist.

Fortsetzung: 07.12.2022 | 18.00 Uhr






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