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Don't Look Back | Part II 🌃

  • Autorenbild: Carrie Dane
    Carrie Dane
  • 7. Dez. 2022
  • 4 Min. Lesezeit

- Kapitel 3 -

Jetzt, da Caleb die Wohnung verlassen hat, schaffe ich es endlich, Ordnung in all das Chaos in meinem Inneren zu bekommen, und sehe mich um. Der Ort gleicht einem Schlachtfeld. Was um alles in der Welt habe ich angerichtet? Kaum eines der Möbel steht noch an seinem Platz. Einiges wurde lediglich herumgewirbelt, so scheint es, doch vieles ist gÀnzlich zerstört.

»Wie lange war ich in mir selbst gefangen?

Als mein Blick erneut auf seinen FlĂŒgel fĂ€llt, verkrampft sich mein Magen. Ich war stets der Meinung, er sei antik. Mit all den winzigen Schrammen in seinem dunklen Lack und dem ausgebesserten Kratzer, der sich lang und tief ĂŒber eine der Seiten zog, erweckte das Instrument stets diesen Eindruck. Caleb danach gefragt habe ich tatsĂ€chlich nie. Egal ob alt oder nicht fest steht, ich habe ihn zerstört und somit vermutlich eines der wertvollsten Dinge, wenn nicht materiell, dann zumindest emotional, zu Kleinholz verarbeitet, welches er besitzt. Augenblicklich fĂ€llt mir sein Arm ein und eisige Finger legen sich um meine Kehle.

Dieses Mal stammt die Empfindung allein aus mir. Wie konnte ich mich nur so allumfassend verlieren, dass ich ihn verletzte. ... Nicht nur ein wenig. Ich habe ihm wortwörtlich das Fleisch von den Knochen gerissen.

»Wie kann das sein?«

Die augenblicklich in mir aufsteigenden Bilder schiebe ich zur Seite. So elend ich mich fĂŒhle und so sehr diese Schuld auf mir lastet, ich werde nicht dahinterkommen. Zumindest nicht, bis Caleb die LĂŒcken meiner Erinnerungen fĂŒllt. Bei dem Gedanken an ihn ĂŒberkommt mich der Drang loszustĂŒrzen und nach ihm zu suchen.

Mit der Klinke in der Hand halte ich inne.

»Und wie weiter?«

Nicht nur, dass ich keinerlei Ahnung habe, wohin er verschwunden ist, was passiert, wenn ich ihn finde? Die Erinnerung der hoffnungslosen DĂŒsternis legt sich in meinen Magen und ich lasse die Hand sinken. So wirklich verstehe ich das alles nicht. Wie auch, mein Wissen ist bestenfalls dĂŒrftig. Ich brauche jemanden, der mir die Dinge erklĂ€rt, doch hier ist niemand. Ich bin völlig allein.

Erneut greife ich nach der TĂŒre. Dieses Mal drĂŒcke ich die Klinke herunter. Ich muss ihn finden. Warum ĂŒberhaupt hat er mich zurĂŒckgelassen?

»Weil du die MĂŒhe nicht wert bist«, krĂ€ht der eine Teil aus meinem Inneren.

»Weil er keine Wahl hatte«, beschwichtigt der andere. »Du siehst doch, was du angerichtet hast, nur weil er blieb.«

Der Letzte ist der, dem ich Glauben schenke, allerdings wird mir gleichzeitig etwas anderes bewusst und die Erkenntnis lĂ€sst mich einen Schritt zurĂŒcktaumeln.

»Was bedeutet das fĂŒr uns?«, flĂŒstere ich und starre auf meine HĂ€nde.

Nichts an ihnen erweckt den Anschein, dass sie vor kurzer Zeit noch derart wĂŒteten. Kein Blut, nicht der kleinste Kratzer – nur meine helle Haut. Sie fĂŒhlt sich ein wenig anders an als zuvor, oder bilde ich mir das nur ein ...? Ich bin kein Mensch mehr, vermutlich hat der Körper sich verĂ€ndert?

Ein weiteres Mal lausche ich in mich hinein – vorsichtig – doch die Umsicht ist unnötig. Aktuell gehöre ich mir und tatsĂ€chlich fĂŒhlt sich alles so an wie damals, bevor Aaron mir sein Blut aufzwang. Einzig ein ungewohnter Hunger erregt meine Aufmerksamkeit. Jetzt wo ich bei klarem Verstand bin, bemerke ich, dass er weiterhin vorhanden ist.

»Vielleicht ... etwas mehr ... Blut?«

Der Gedanke klingt völlig abstrus, ganz gleich, wie logisch er scheint.

Ich werfe einen erneuten Blick auf die TĂŒre.

Womöglich wĂ€re es dumm, mit knurrendem Magen nach Caleb zu suchen. Zwar weiß ich weiterhin nicht, was diese neue Existenz fĂŒr mich bedeute, doch mit Hunger, unter Menschen zu gehen, erscheint keine gute Idee. All die ganzen Vampirgeschichten irren vermutlich nicht und selbst wenn, schaden wird mir ein weiteres Glas sicherlich nicht.

Ich wende mich der KĂŒche zu. Auf der Anrichte liegt die Blutkonserve, die Caleb vorhin öffnete. Ohne lange darĂŒber nachzudenken, greife ich einen Becher von einem der Regalböden und lasse die rote FlĂŒssigkeit dort hineinrinnen. Erst jetzt bemerke ich, den Geruch. Metallisch verlockend kriecht er erneut durch die Nase, grĂ€bt sich brennend in meinen Verstand und versucht, die Kontrolle an sich zu reißen. Auf der Stelle lasse ich das Glas los und trete einen Schritt zurĂŒck.

Nein, beschließe ich, mit den letzten KrĂ€ften, die mir noch unterstehen. Dieses Mal gebe ich die Beherrschung nicht auf. Ganz gleich wie verlockend das Blut schimmert, völlig egal wie sehr es in meinem Inneren tobt, fĂŒr heute habe ich genĂŒgend angerichtet, nur weil ich die Kontrolle abgab.

Gesittet atme ich ein. Die Luft riecht seltsam, stelle ich fest. Auf irgendeine Art verworren, nach Holz und Staub, einer Melange aus den unterschiedlichsten GewĂŒrzen, Putzmitteln, Blumenerde und dem Blut, das vor mir steht. Erneut wagt das Geifern in mir einen Übergriff, wieder halte ich dagegen. UnterdrĂŒcke den Impuls nach dem Glas zu grapschen und es in GĂ€nze hinunterzuschĂŒtten. Erst als das wĂŒtende Poltern in meinem Inneren grollend einen Schritt zur Seite tritt und sich mĂ€ĂŸigt, greife ich danach.

Es kostet mich alle Willenskraft, doch tatsĂ€chlich gelingt es mir, die rote FlĂŒssigkeit Schluck fĂŒr Schluck hinunterzubringen. Als das Glas leer ist, stelle ich es zur Seite und fĂŒhle mich, wie ein kleines Kind, das soeben die ersten Schritte lief.

»Das ist in der Tat beeindruckend«, erklingt eine Stimme hinter mir.

Irritiert fahre ich herum und sehe in das Gesicht von Konstantin, der unbemerkt in die Wohnung kam und nun mitten im Raum steht.

»Wie lange seid ihr jetzt zu Hause? Eine halbe Stunde? Maximal fĂŒnfundvierzig Minuten?«, fragt er weiter. »Und in dieser kurzen Zeit hast du es geschafft solch ein Chaos anzurichten und gleichzeitig kontrolliert zu trinken, als wĂŒrdest du bereits seit Jahren als Vampir herumlaufen. Ich weiß nicht, ob ich mir Sorgen machen, oder beeindruckt sein sollte.« MitfĂŒhlend schĂŒttelt er den Kopf und sieht mich an. »Was um alles in der Welt ist denn bloß passiert, Jasper?«

Fortsetzung folgt nach der Winterpause | Januar 2023




 
 
 

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