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Schatten 🌕

  • Autorenbild: Carrie Dane
    Carrie Dane
  • 2. Dez. 2022
  • 8 Min. Lesezeit

- Kapitel 6 -


Als Gray sich auf den Weg zu Conner machte, öffnete der Himmel erneut seine Schleusen. Für gewöhnlich hätte er es vorgezogen, die Strecke bis zu dem Haus seines Sohnes zu Fuß zurückzulegen, doch aufgrund der Witterung entschied er sich für den Wagen. Das Dröhnen des Motors war vermutlich der Grund, weshalb sein Sohn bereits die Eingangstüre aufriss, noch bevor er gänzlich in der Einfahrt ankam.

Argwöhnisch betrachtete Conner ihn, als er aus dem Auto stieg.

»Was willst du hier?«

Gray warf die Fahrertüre zu und näherte sich der Veranda.

»Hörst du schlecht? Was du hier zu suchen hast, habe ich gefragt.«

Conner baute sich vor ihm auf und stierte ihn an.

Von dem provozierenden Verhalten gänzlich unbeeindruckt, hielt weiter Gray auf den Eingang zu. Für einen Moment erschien es, als würde Conner tatsächlich die Courage besitzen und den Zutritt verweigern, doch als er sich bis auf wenige Zentimeter genähert hatte, trat er zur Seite und ließ seinen Vater ein.

»Sag mal, bist du völlig durchgedreht?« Conner schloss die Türe mit einem Knall und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was bildest du dir eigentlich ein? Du könntest wenigstens mal«-.

»In was für eine Scheiße hast du dich jetzt schon wieder geritten?«, unterbrach Gray ihn kalt.

»Wovon zum Henker sprichst du? Ich«-.

Weiter kam er nicht, denn sein Vater packte ihn blitzschnell am Kragen und schlug ihn gegen die Wand.

»Halt die Klappe! Irgendetwas hast du doch verbockt. Du weißt es, genauso gut wie ich. Also ... jetzt mach das Maul auf.«

Sein Sohn überraschte ihn. Für gewöhnlich zog er spätestens jetzt den Schwanz ein, doch heute schlug er ihm tatsächlich die Faust ins Gesicht. Der Haken, den er setzte, war durchaus beachtlich und etwas in Gray zollte ihm Anerkennung. Nicht nur für den Mut, den seinen Spross dieses Aufbegehren sicherlich kostete. Nichtsdestotrotz nützte es nichts. Gray verstärkte unbeeindruckt den Griff.

»Lass den Quatsch!«, knurrte er. »Ich frage dich noch mal: Was hast du ausgefressen?«

Conner japste auf. Anscheinend schnürte er ihm zunehmend die Luft ab, was das Antworten erschweren durfte, allerdings geschah ihm das Recht, fand zumindest Gray. Dennoch erhielt er anstelle einer Stellungnahme lediglich einen weiteren Schlag ins Gesicht. Verbissen glotzte sein Sohn ihn an und presste die Lippen aufeinander. So kam er nicht weiter.

Unbeherrscht riss den ungezogenen Spross von den Füßen und schleuderte ihn einige Meter von sich weg. Noch bevor es dem gelang, sich von dem Aufprall zu erholen, stürzte Gray sich auf ihn. Dieses Mal packte er direkt nach seinem Hals und drückte zu. Er hatte nicht vor ihm ernsthaft Schaden zuzufügen, doch ein wenig Angst schadete vermutlich nicht.

»Conner! Ich will wissen, was los ist. Jetzt spuck es schon aus!«

Sein Sohn begann wild nach seiner Hand zu grapschen, um dem Würgen zu entgehen, und zappelte panisch. Gray verzog das Gesicht.

… Himmel, der Junge stellt sich wirklich an.

Trotzdem lockerte er seinen Griff etwas, um ihm ein wenig mehr Luft zu lassen. Wenn er ohnmächtig wurde, würde das alles nur länger dauern als ohnehin schon.

»Langsam verliere ich die Geduld mit dir! Sag endlich, was los ist, sonst wirst du dir wünschen, ich hätte dir direkt das Genick gebrochen.«

»... mich umbringen«, würgte sein Sohn hustend hervor.

Er verdrehte die Augen.

»Wenn du nicht sofort anfängst zu reden, garantiere ich für nichts. Du hast meine Geduld lange genug strapaziert. Also, zum letzten Mal: In welcher Scheiße steckst du?«

»... nicht du.«

Eine wirkliche Antwort war das nicht, doch zumindest verstand Gray so viel, dass Conner weniger vor ihm als irgendwem anders Angst zu haben schien. Er runzelte die Stirn.

»Wer?«

»... Miles.«

Bei dem Namen klingelte nichts. Überhaupt stellte ihn die Erläuterung nicht zufrieden. Was hatte er auch anderes von diesem Nichtsnutz erwartet. Erneut schloss er die Finger und Conners Augen traten ein Stück weiter hervor.

»Ich habe keine Ahnung, wer das ist, aber eins kann ich dir versichern: Wenn du nicht auf der Stelle mit einer Erklärung rausrückst, dann wird er sich nicht mehr um dich kümmern müssen. Ich bin deine ewigen Sperenzchen derart leid! Es reichte schon, dass du Lorna und die Kleinen einfach sitzen ließt, weil dir irgendwelche Flausen durch den Kopf schossen. Aber dann die Frechheit zu besitzen und vorzugeben dich nach fünf Jahren plötzlich an deine Vaterpflichten zu erinnern, nur um ihnen das wenige Geld aus der Tasche zu ziehen, dass sie haben, geht einfach zu weit.«

Wütend versteifte er den Griff.

»Über die Tatsache, dass du die Dreistigkeit besessen hast, bei mir einzubrechen, rede ich lieber erst gar nicht, da wird mir nur schlecht. Wie oft bin ich schon für dich in die Bresche gesprungen? Wie oft habe ich dich in Schutz genommen, vor deiner Mutter, deinen Geschwistern – eigentlich vor jedem gottverdammten Bewohner dieser beschissenen Stadt. Wie viel Ärger gab es nur wegen dir? Ganz zu schweigen von den Toten, die letztlich auf dein Konto gingen, weil du nicht eine Sekunde über die Konsequenzen deines Handelns nachgedacht hast? Natürlich hast du die Kämpfe nie geführt. Wie auch, so feige wie du bist? Jedes verdammte Mal war ich der Idiot, der sie austrug – für dich! ... Um deinen Arsch zu retten. Und das ist dein Dank?«

Erst jetzt bemerkte er, dass die Bewegungen seines Sohnes immer träger wurden. Bestürzt ließ er den Hals los und wich zurück. Ein derartiger Kontrollverlust war seit Langem nicht mehr vorgekommen – schon gar nicht bei jemandem mit dem ihn etwas verband. Conner schnappte panisch nach Luft und rollte sich auf die Seite. Für eine Weile war sein rasselnder Atem das Einzige, was zu hören war.

»Ich-. Es ...«. Gray verstummte.

Sein Übergriff tat ihm leid, aber die Wut über den Nichtsnutz dämpfte das Gefühl. Irgendwie hatte er nichts anderes verdient.

»Ich wollte dich nicht bestehlen«, würgte sein Sohn plötzlich hustend hervor.

»Spar dir den Schwachsinn. Ich hab die verschobenen Kisten doch gesehen. Aber gefunden hast du nichts, schon klar. Wie auch? Mein Geld bewahre ich seit Langem nicht mehr dort auf.«

Conner kam schwerfällig hoch.

»Nein, Dad! Wirklich nicht. Ich war nicht dort, um etwas zu klauen. Ich«-.

Er verstummt.

Gray schüttelte den Kopf.

»Lass es einfach gut sein. Wie viel brauchst du dieses Mal? Ich geb’s dir ... wie immer. Siehs als Entschuldigung für diesen ... Zwischenfall.« Unbestimmt wedelte Gray mit der Hand.

»So viel Geld hast du nicht.« Conner verzog den Mund und wischte sich über die Stirn. »Aber das ist gar nicht das Problem. Es ist«-.

Erneut unterbrach er sich.

Egal wie schuldig er sich gerade fühlte, geduldiger machte es ihn nicht.

»Himmel Conner!«, fuhr er auf. »Jetzt spuck endlich aus, worum es geht, damit ich mich auf die eine oder andere Art darum kümmern und verschwinden kann. Hier stinkt es nach saurer Milch. Nebenbei bemerkt: Du solltest mal aufräumen. Aber was geht mich das an. Nichtsdestotrotz habe ich dir beinahe den Hals umgedreht. Willst du, dass ich das zu Ende bringe? Wenn ja, dann mach nur weiter so. «

»Vermutlich wirst du das so oder so tun«, murmelte Conner.

»Probier’s aus!«

»Ich-. Du hast ja recht. Ich habe Schulden – wirklich sehr hohe Schulden, aber ich wollte das alleine regeln. Also habe ich mir Geld geliehen. Nur ich habe nicht darüber nachgedacht, bei wem ich dann in der Kreide stehe.«

Gray seufzte.

»Wofür hast du das Geld überhaupt gebraucht? Spielst du wieder?«

»Nein. Tue ich nicht!« Conners Brauen berührten sich beinahe. »Aber irgendwo musste ich ja hin, nachdem ich bei Lorna weg bin. Und dann war der Wagen kaputt und überhaupt kam das eine zum anderen. Ach was weiß denn ich«, fluchte er. »Das Leben ist nun mal teuer, Dad. Und da war niemand, den ich um Hilfe bitten konnte. Du hast dich ja direkt auf ihre Seite geschlagen!«

»Ja und das wohl aus gutem Grund«, fuhr Gray auf. »Du warst doch derjenige, der seine Familie im Stich gelassen hat – nicht Lorna. Was hast du denn erwartet? Das ich zu dir komme und händchenhalte?«

Sein Sohn funkelte ihn an. »Du bist doch selbst abgehauen und hast uns zurückgelassen. Jetzt tu nicht so scheinheilig.«

»Das war etwas anderes und stimmt auch nicht. Deine Mutter und ich hatten nie diese Art Beziehung. Du weißt das genau. Abgesehen davon habe ich mich trotzdem gekümmert. Ich war da, Conner. Jeden Abend und immer wenn irgendetwas angefallen ist. Ich habe mich nicht einfach aus der Verantwortung gestohlen. Du kannst keine Kinder in die Welt setzen und sie danach vergessen.«

»Das sagst ausgerechnet du!«

»Was für ein Schwachsinn ist das denn jetzt?« Gray sah ihn verwirrt an. »Zeig mir eines meiner Kinder, das nicht immer auf mich zählen konnte. Selbst dich habe ich noch nie im Stich gelassen und das, obwohl ich es vermutlich besser irgendwann einmal getan hätte. Vielleicht wäre dann etwas-«, er biss sich auf die Zunge. »... jemand andere aus dir geworden«, endete er barsch. »Und jetzt hör endlich auf so ein Fass aufzumachen, und sag mir, wem du was schuldest. Sonst überleg ich es mir und gehe.«

Einen Augenblick lang warf Conner ihm einen Blick zu, den er nicht recht verstand, doch der Ausdruck verflog schnell.

»Ich habe mir das Geld von einem Kredithai besorgt ... aber nicht hier. Snow wollte mir nichts mehr leihen. Er sagte, du reißt ihm den Kopf ab, wenn er mir noch einmal etwas gibt. Also bin ich rüber in die Stadt ...«.

»Du hast dir Geld von einem Blutsauger gepumpt. So dermaßen verblödet kannst doch nicht mal du sein!« Gray sprang einen wütenden Satz auf seinen Sohn zu. Conner rührte sich nicht, sondern hob nur abwehrend die Hände. Viel Wahl blieb ihm ohnehin nicht. Der Raum war für eine Flucht schlicht zu eng.

»Nein! ... Nein, habe ich nicht. Wirklich!«

Er hielt inne und warf einen Blick auf seinen Sohn, der verschreckt vor ihm hockte.

»Conner ich bitte dich. Machen dir jetzt mittlerweile selbst die Menschen Angst?«

»Miles schon ...«, murmelte er verlegen.

»Und warum? Knurr ihn einfach an, dann wirst du sehen, wie schnell die Zweibeiner sind, sobald ein Wolf vor ihnen steht.«

»Der hier ist gefährlich. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, was passiert, wenn man nicht zahlt.«

Gray stutzte. »Seit wann bist du denn derart schissig? Der Mutigste warst du nie, aber vor Menschen den Schwanz einzuziehen, sieht selbst dir nicht ähnlich. «

Conner zuckte mit den Schultern.

»Ist mir eigentlich auch egal«, beschloss Gray. »Also, wie viel schuldest du dem Kerl?«

»Nichts mehr.«

»Und wo bitte liegt dann das Problem?«

»Ich sollte etwas für ihn besorgen.«

»Du meinst klauen.«

»Ja.«

»Na zur Abwechslung mal etwas Neues. Diebstahl stand bisher noch nicht auf deiner Tatenliste. Aber vermutlich war das so wie so nur eine Frage der Zeit.« Gray hatte keine Lust, sich weiter mit den Verbitterungen, welche die Handlungen seines Sohnes mit sich brachten, zu befassen. »Hast du es denn?«, fragte er und ließ sich auf einen Sessel fallen.

»Schon ...«.

»Und warum bringst du es dann nicht einfach zu dem Kerl?«

Er verstand ihn immer weniger.

»Das habe ich, aber jetzt will er es nicht mehr. Der Typ, dem ich das Ding geklaut habe, hat gedroht denjenigen umzubringen, bei dem das Stück das nächste Mal auftaucht. Miles ist es zu heiß und er hat mich mit dem Teil weggeschickt. Hat irgendetwas davon gefaselt, dass wir quitt sind und mir unmissverständlich klargemacht, dass ich mit niemandem über die Sache reden soll, wenn mir etwas an meinem Leben liegt.«

»Und wer ist der eigentliche Besitzer.«

Conner schwieg.

»Nun sag schon!«

»Thilo.«

Für einen Moment fühlte Gray sich, als habe jemand einen Eimer Wasser über ihm geleert. Dann sprang er von dem Sofa auf.

»Du hast den zwielichtigsten Hehler der gesamten Gebiete beklaut?«, wütete er. »Willst du mir sagen, dass es dir lieber ist, dich mit dem tiefsten Morast, den die Blutsauger je hervorbrachten, anzulegen, als über deinen Schatten zu springen und mich um Hilfe zu bitten? Wo kommt denn dieser blödsinnige Stolz auf einmal her, oder bist du mittlerweile einfach nur größenwahnsinnig?«

Außer sich stierte er seinen Sohn an.

Conner indes betrachtete die Fußspitzen. Sein gesamter Eindruck wirkte derart erbärmlich, dass Grays Zorn plötzlich verpuffte. Zum ersten Mal fragte er sich, ob die herrschende Funkstille tatsächlich einzig von ihm selbst ausging, wie er bisher annahm. Eine Erklärung zu finden, warum Conner nicht zu ihm kam, als er bemerkte, in welches Fahrwasser er sich manövriert hatte, gestaltete sich als schwierig. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Sohn derart voller Furcht vor ihm war, dass er lieber dieses Risiko einging. Bisher hatte Gray ihm nie ein Haar gekrümmt und gänzlich frei von Verstand schien sein Sohn ebenfalls nicht.

»Hast du das Ding noch?«, fragte er und schob den Gedanken beiseite.

Sein Gegenüber nickte.

»Dann gib es mir. Ich werde mal sehen, was sich machen lässt.« Er streckte die Hand aus und nickte auffordernd.

»Ich-. Es ist nicht hier.«

»Und wo bitte ist es dann?«

Sein Sohn sackte noch mehr in sich zusammen und Gray musste die Ohren spitzen, um überhaupt festzustellen, dass Conner sprach.

»In einer deiner Kisten«, begann er zögerlich. »Ich ... ich habe es dort versteckt, als ich vor ein paar Tagen da war.«

Fortsetzung: 09.12.2022 | 18.00 Uhr



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