Don't Look Back đ - Teil II
- Carrie Dane

- 23. Nov. 2022
- 5 Min. Lesezeit
- Kapitel 1 -

»Du musst essen, Jasper. Setzt dich hin. Ich hole dir etwas.«
Caleb nickt zu dem Sofa, doch alles in mir strĂ€ubt sich dagegen. Ich will nicht â und ein GefĂŒhl der Angst kriecht in meinen Nacken.

»Nein, schon gut. Ich komme mit dir mit«, beeile ich mich, zu sagen, und greife nach seiner Hand. Er lÀchelt sanft.

»Du kannst dich kaum aufrecht halten. Bitte ⊠nimm das Sofa. Ich bin sofort wieder da.«

Vorsichtig schiebt er mich auf den Platz. Gerade noch rechtzeitig, denn ich merke, wie die Beine unter mir nachgeben. In derselben Sekunde verkommt er zu einem undeutlichen Schemen, als er zur KĂŒche hinĂŒbereilt. Vor wenigen Stunden wĂ€re er gĂ€nzlich verschwunden, da bin ich mir sicher, doch nun sind meine Sinne geschĂ€rft.

Einen Wimpernschlag spÀter steht er erneut vor mir, mit einem Glas in der Hand.
»Hier. Bitte«, hÀlt er es mir entgegen.
»Ist es das, was ich denke?«
Skeptisch beĂ€uge ich die dunkle FlĂŒssigkeit in dem bauchigen GefĂ€Ă.
Er senkt stumm den Kopf.
»Ich ... ich glaube nicht, dass ich das herunterbekomme.«
»Doch Jasper ... du wirst ...!« Der Ausdruck, den sein Gesicht dabei trĂ€gt, ist schwer zu deuten, allerdings gefriert der stille Ton seiner Worte die GefĂŒhlssee in meinem Inneren zu tiefdunkler SchwĂ€rze und lĂ€sst mich schlucken.

Zögerlich greife ich das Glas aus seinen Fingern und eine Welle der BestĂŒrzung bricht durch das Gefrorene, als ich es langsam in Richtung meiner Lippen fĂŒhre.
»Irgendwie passe die EindrĂŒcke nicht zusammen«, stelle ein Teil in mir irritiert fest, doch im selben Augenblick ist es bereits zu spĂ€t. Der metallische Geruch kriecht mir in die Nase, schlĂ€gt sich rĂŒcksichtslos seinen Weg hinauf bis zu dem Bewusstsein und reiĂt jegliche Kontrolle hinfort. Gierig stĂŒrze ich den Inhalt hinunter ... zwei Schluck, und das GefÀà ist leer.

»Es tut mir so leid ...«
FĂŒr einen Moment bin ich nicht sicher, woher die Stimme kommt. Erst als ich den Blick auf Caleb richte, verstehe ich, dass er es war, der sprach.
»âŠall das ist meine Schuld. Ich-. Ich ... ich hĂ€tte es niemals zulassen dĂŒrfen.«

Das dunkle Meer gerĂ€t in Aufruhr und reiĂt mich mit sich mit. Emotionen wirbeln haltlos durcheinander ... keine lĂ€sst sich festhalten. Das Luftholen fĂ€llt mir immer schwerer, die Kehle schnĂŒrt sich zu. Weiter und weiter, bis das Atmen unmöglich wird. Vor Panik springe ich auf und lasse das Glas fallen.

»Caleb, bitte. Höre auf, dir VorwĂŒrfe zu machen!«, versuche ich dennoch sein Leid zu lindern.
Die Worte kommen gepresst. Es kostet all meine Kraft, sie ĂŒberhaupt zu sprechen, doch nichts von all dem war seine Fehler. Der Gedanke, dass er es begreifen muss, damit wir nicht beide daran zerbrechen, ist das Einzige, was mich vorwĂ€rtstreibt, also zwinge ich mich weiter:
»Aaron ... Du konntest nicht wissen, dass er hier auftaucht. Und noch viel weniger, was er plante. Es gibt kein bisschen, was du falsch gemacht hast. Du hast-.«
An diesem Punkt wird das Reden endgĂŒltig unmöglich und ich verstumme abrupt.

Er sieht mich fragend an, dann erschrickt er. Irgendetwas scheint fĂŒr ihn plötzlich einen Sinn zu ergeben, mir jedoch ist schleierhaft was. Ich habe genĂŒgend damit zu tun aufrecht zu stehen. Das Empfinden der Schuld ist derart ĂŒbermĂ€chtig, dass ich das GefĂŒhl habe unter der Last zu zerbrechen. Etwas in mir wĂŒrde sich am liebsten auf dem Boden zusammenrollen und nie wieder hochkommen, doch eine innere Stimme die bestĂ€ndig zur MaĂregelung mahnt, hĂ€lt davon ab.

»Ich-. Jasper ... es ... es tut mir so leid!« Selbst seine Worte klingen auf einmal merkwĂŒrdig gepresst. »Sieh mich an!«, verlangt er dann plötzlich.

Ich bin kaum in der Lage zu stehen. Meinen Kopf zu heben und ihn mit dem Blick zu fixieren, erscheint mir unmöglich.
»Jasper! Du sollst mich ansehen.« Calebs Stimme schallt ungewöhnlich schneidend.
Der Ton, mit dem er mich anspricht, lÀsst Wut in mir aufsteigen.

»Ich kann nicht!«, zische ich zurĂŒck.

In einem Schritt ist er bei mir und fasst nach meinem Arm.
»Sieh mich an, Jasper ... Bitte!«
Die gewohnte Milde ist zurĂŒck in seiner Stimme und vertreibt, zusammen mit der warmen BerĂŒhrung, den aufkeimenden Zorn. Allerdings habe ich nun, da er fehlt, das GefĂŒhl, die Schuld wiegt umso schwerer; unaufhaltsam zerrt sie Richtung Boden.
»Es tut mir leid. Ich ... ich kann nicht!«, presse ich erstickt hervor und merke, wie mir TrĂ€nen in die Augen schieĂen.

Ich gebe endgĂŒltig die BemĂŒhungen auf und breche zusammen. Gemeinsam mit Caleb, der schĂŒtzend seine Arme um mich schlĂ€gt, sacken wir auf das dunkle Parkett. Irgendwo, ganz weit hinten in meinem Kopf, bemerkt ein Teil von mir das Absurde an der Situation. Dieses StĂŒck versteht nicht, warum mir so elend zumute ist. Es weiĂ, dass ich nichts tat, was solche Last rechtfertigte. Langsam bemerke auch ich es, doch dann fĂ€llt mir Aaron ein.

»Ist es vielleicht wegen ihm?«, schieĂt es mir durch den Kopf.
Der Gedanke verfliegt sofort. Ihn zu töten war die einzige Lösung, um Caleb zu retten. Abgesehen davon verdiente der Kerl es! Und das andere ...? Diese Erinnerung wische ich hektisch zu Seite. Ich will nicht mehr daran denken. Trotzdem ist mir klar, dass selbst der Betrug nicht diese schweren SchuldgefĂŒhle rechtfertigt. All das ist es nicht. Weshalb also geht es mir so miserabel?

»Das ist meine Schuld«, flĂŒstert Caleb hinter mir. »Ich bin es, dem du deinen momentanen Schmerz verdankst. Es tut mir so leid ...«. Schluckend verstummt er und ich verstehe ihn weiterhin kein bisschen.

Mir fĂ€llte ein, wo das GesprĂ€ch seinen Lauf nahm. Der Wunsch, seinen Kummer zu nehmen, ist ungebrochen, ungeachtet dessen fehlt mir die Kraft. Dennoch kĂ€mpfe ich mich durch all die innere Hoffnungslosigkeit hindurch. Ich muss etwas sagen â irgendetwas â damit er sich besser fĂŒhlt.
»Caleb, du hast rein gar nichts getan. Und bitte, gib dir nicht auch noch daran die Schuld«, beginne ich mit all der Zuneigung, die ich in meinem Elend finde und versuche mich weiter an einer ErklĂ€rung. »Ich verstehe nicht, was mit mir los ist. Es ist, als ob mir jemand die gesamte Verzweiflung der Welt aufbĂŒrdete und danach verschwand. Das klingt furchtbar pathetisch ... ich weiĂ, aber irgendwie trifft es das.«

»So habe ich das nie gesehen«, lacht er leise auf und bringt mich ebenfalls zum LÀcheln. Auf der Stelle bin ich verwirrter als ohnehin bereits. Diese Reaktion erscheint gÀnzlich unmöglich mit all der Schwermut im Inneren.

»Die Empfindungen, die dich gerade so sehr mitnehmen«, beginnt er von Neuem. »Sie gehören nicht zu dir. ...Es sind meine. Ich bin es, der sie hat. Nun zumindest zu einem groĂen Teil.«
Caleb verstummt, um sich zu versichern, dass das Gesagte bis zu mir vordringt. Das unbewusste Nicken meines Kopfes, als alles langsam einen Sinn ergeben zu beginnt, lÀsst ihn fortfahren.
»Wenn ich gehe, dann wĂŒrdest«-.

»Nein!« Das Wort gleicht einem spitzen Schrei und augenblicklich kralle ich die Finger panisch in sein Hemd. »Lass mich nicht alleine. Bitte ...!«
Die Vorstellung, gefangen in dieser Hoffnungslosigkeit auf sich selbst gestellt zurĂŒckzubleiben, lĂ€sst mein Herz ungezĂŒgelt gegen den Brustkorb hĂ€mmern.

Er zieht mich fester in seine Arme.
»Ich gehe nirgendwo hin«, flĂŒstert er beruhigend. »Allerdings ist das Angebot, die Wohnung zu verlassen, das Einzige, was ich fĂŒr dich tun kann. Wenn du nicht möchtest, dass ich verschwinde, bleibt mir nichts, um dir aus der Situation herauszuhelfen â egal wie sehr ich es wĂŒnsche.«

»Du könntest aufhören, dich fĂŒr alles, was passierte, verantwortlich zu fĂŒhlen.« Versuche ich matt scherzend, unserem gemeinsamen Kummer beizukommen.

Er schĂŒttelt den Kopf. »Selbst wenn ich es könnte, es wĂ€re die Unwahrheit und somit lediglich eine weitere Schuld, die ich mir auflade. Es wĂŒrde nichts an deiner DĂŒsternis lindern. Keine LĂŒgen, Jasper â niemals. Das habe ich dir versprochen, erinnerst du dich?«

»Der zweite Tag in den Bergen«, antworte ich zĂ€rtlich. »Wie könnte ich das vergessen. Mein Gott ...!«, stoĂe ich verwirrt aus, als ich feststelle, dass seitdem kaum eine Woche vergangen ist. »Es kommt mir vor, als wĂ€ren wir vor Monaten dort gewesen. Alles schien perfekt, als wir hierher zurĂŒckkehrten und dann ...« Erneut versagt mir die Stimme.

»Warum hat er das bloĂ gemacht, Caleb«, wĂŒrge ich hervor, bevor ich bemerke, dass er weint.

Fortsetzung: 30.11.2022 | 18.00 Uhr





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