Schatten 🌕
- Carrie Dane

- 4. Nov. 2022
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Dez. 2022
- Kapittel 2 -

Als Gray von Lornas Grundstück aufbrach, war es bereits kurz vor Mitternacht.

Wie gewöhnlich verstrickten sie sich in ein düsteres Gemenge aus gegenseitigen Vorwürfen, garniert mit Missverständnissen.

Die Tatsache, dass Jody die Ruhe ihres Zimmers, dem sich anbahnenden Konflikt vorzog und sie alleine am Lagerfeuer zurückließ, verschlimmerte die Situation zusätzlich. Um das Einzige gebracht, dass ihn und Lorna einen letzten Funken Zurückhaltung walten ließ, tobte der Krach zügellos, sobald die Haustüre hinter seiner Enkelin in ihr Schloss fiel.

Gray war es, der das Gezanke irgendwann nicht mehr aushielt und wütend das Grundstück verließ, bevor die ungezähmte Seite in ihm das Handeln übernahm. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er die Gegenstände in seiner Umgebung in Kleinholz verwandelte, um seine Position zu verdeutlichen. Das letzte Mal lag lange zurück und ein Teil von ihm legte Wert darauf, dass es so blieb. Mit über einhundert Jahren war er bei Gott alt genug, um sich beizeiten aus den aussichtslosen Kämpfen zurückzuziehen, und nichts anderes war dieser hier.

Bereits kurz nachdem er wütend die Zufahrt hinuntergeeilt und in der Stille des Waldrandes angelangte, legte sich der rasende Zorn in seinem Inneren und schaffte Raum für nachdenklichere Töne. Sinnierend den harzigen Geruch der sternenklaren Nachtluft einatmend, stapfte er durch die Dunkelheit und verfiel mit jedem seiner Schritte in tiefere Grübelei.

Er verstand Lorna und nicht nur das; es tat ihm in der Seele weh, ihr die gewünschte Hilfe zu verwehren. Sie hatte recht. Theoretisch wäre es ein leichtes für ihn sie und ihre Kinder, selbst den gesamten Rest des kleinen Rudels, mit in sein eigenes zu integrieren. Niemand der seinen würde es wagen, sich dagegen zu stellen. Nichtsdestotrotz beschwor solch ein Entschluss – allen Prinzipien zuwider – Unmut herauf. Dieser führte unweigerlich zur Tollkühnheit. Schließlich würde irgendjemand waghalsig genug sein und offen gegen andere unerwünscht Regeln rebellieren, was wiederum ihn zum Eingreifen nötigte. Somit stünden dem Rudel turbulente Zeiten entgegen und diesen Preis war er nicht bereit zu zahlen. Einmal ganz abgesehen davon, dass man sich darauf verließ, dass er solche Dummheiten erst gar nicht beging.

»Das alles wäre überhaupt nicht passiert, wenn die beiden Kindsköpfe nicht ihr eigenes Ding hätten machen wollen«, fluchte er halblaut und trat einen Stein von sich weg. Der Kiesel schoss in die Höhe und blieb donnernd in einem der Tannenstämme stecken. Im Vorbeigehen rupfte Gray ihn heraus und ließ den grauen Brocken achtlos zu Boden plumpsen. Seine Wut half ihm an dieser Stelle auch nicht weiter. Ehrlicherweise musste er zugeben, dass sie einer der Gründe war, warum Conner ebenso wie Lorna den Entschluss fassten seiner Meute endgültig den Rücken zu kehren.

Das Rudel, welches die beiden daraufhin gründeten, bestand erst seit siebzehn Jahren. Somit verfügte es noch über keine gewachsene Struktur, die Robustheit bedeutete. Selbst für die Werwölfe, die kaum längere lebten als ihr reinmenschliches Ebenbild, reichte die Zeit nicht aus, um tiefes Vertrauen zu etablieren. Die Tatsache, dass die beiden darüber hinaus an ihrem Plan festhielten ihre Reihen auch für diejenigen zu öffnen, die keinen Wolf in sich trugen, brachte weitere Begrenzungen mit sich.

Auch wenn er zerknirscht zugab, dass in einigen Punkten durchaus Vorteile in der Mitgliedschaft der Felllosen zu sehen war, wogen die Nachteile sie nicht auf. Menschen zeigten sich immer wieder als fahrlässig vertrauensvoll, was ihren Umgang mit den Zauberwebern betraf. Dies allein barg bereits genügend Risiken. Zog man darüber hinaus noch die geistig verdrehten mit in Betracht, welche tatsächlich die Freundschaft der Blutsauger suchten, wurde die Bedrohung unkalkulierbar – nicht nur für das eigene Rudel! Gray wurde damals nicht müde die beiden vor diesen Gefahren zu warnen, doch sie schlugen all seine gut gemeinten Ratschläge in den Wind und stellten sich taub. Erst als es zu spät, das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen war, gaben sie ihm kleinlaut recht.

Er stieß ein verhaltenes Knurren aus, als er sich an die unschönen Ereignisse erinnerte, deren Konsequenzen wiederum er für Sohn und Schwiegertochter ausbügeln sollte. Gott sei Dank kamen sie bei ihrem heutigen Disput nicht bis zu dieser Stelle. Gray war sich ziemlich sicher, dass die umstehenden Möbel diesen Streit keineswegs unbeschadet überdauert hätten, denn seine Weigerung und Lornas Vorwurf der Konsequenzen, die sich daraus ergaben, barg ungebrochenes Konfliktpotenzial – auf beiden Seiten. Damals führte es dazu, dass sie gut drei Jahre nicht miteinander sprachen. Vermutlich würden sie bis zum heutigen Tage kein Wort wechseln, wenn Conner nur ein wenig mehr Verantwortungsbewusstsein besessen hätte.

Die Gedanken an das Verhalten seines Sohnes quittierte sein Inneres mit einem fordernden Grollen und Gray rief sich einmal mehr zur Ordnung. Ein Teil von ihm vermisste sein Kind schmerzlich, ein anderer konnte ihn gar nicht weit genug von sich fort wissen. Wie gewöhnlich war dieser auch heute der Lautstärkere.

Gray bog von dem dämmerigen Weg ab und wendete sich einem engen Pfad zu, der in der Dunkelheit der Tannen so gut wie nicht zu erkennen war. Insgeheim hoffte er die beinahe vollkommene Finsternis, in der der holperige Untergrund lag, den er nun betrat, würde seine Aufmerksamkeit von sich selbst weg lenken, doch sie reichte nicht. Kaum zwei Schritte getan schweiften seine Gedanken erneut zu Conner.

Er liebte all seinen Nachwuchs, doch seine väterliche Gutmütigkeit kannte Grenzen. Manches würde er rückblickend bei dem einen oder anderen heute anders handhaben, so viel stand fest, allerdings erfuhr Conner vom Tage seiner Geburt an mehr Milde als all seine Kinder zusammen. Er war sich stets bewusst, dass er den Jungen bevorteilte, doch etwas hielt ihn davon ab ihm mit derselben Strenge zu begegnen, die er sonst walten ließ.
»Und was hat diese Gutmütigkeit gebracht ...?«, murmelte er halblaut. »Nichts als Enttäuschung, Scham und Frustration.«

Der Umstand, dass Conner sich vor einigen Jahren entschloss, Lorna und seine Kinder zurückzulassen, gleich seinem gesamten Rudel den Rücken kehrte – es schutzlos zurückließ – war die finale Kerbe, die sein Sohn schlug, um ihre Beziehung endgültig zu zersplittern. Gesprochen hatten sie in den letzten vier Jahren kaum. Ab und zu, wenn sie sich zufällig begegneten, wechselten sie ein paar Worte, doch um der Wahrheit die Ehre zu geben pflegte Gray mit dem Briefträger eine innigere Beziehung als mit seinem Sohn. Der Gedanke an diese Tatsache schmerzte unerwartet heftig und er verfiel in einen rastlosen Trab, um vor sich selbst zu fliehen.

Kurz darauf bog er aus dem bewaldeten Pfad, an dessen Ende er bereits die Wand seiner Hütte ausmachte, deren Balken dringend einen Anstrich benötigten. Als er sich der Behausung bis auf wenige Schritte genähert hatte, hielt er plötzlich witternd inne – irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte.

Gray spitzte die Ohren und sah sich suchend um. Alles wirkte wie immer, doch in der Luft lag ein unverkennbarer Hauch nach etwas oder besser jemandem, der nichts an diesem Ort verloren hatte. Es dauerte einen Augenblick, bis es ihm dämmerte, wessen Spur er wahrnahm – Conners.

Seine Augen verengten sich schlagartig. Die Anwesenheit seines Sohnes verhieß nichts Gutes.
»Was zum Teufel hat der Nichtsnutz hier zu suchen?«, fragte er sich.
Zögerlich näherte er sich der kleinen Veranda und war soeben im Begriff die Hintertüre zu öffnen, als ihm das Blatt entgegenschlug und Conner aus dem Inneren ins Freie stolperte.

»Dad!« Für einen Moment starrte er ihn erschrocken an. »Da ... Da bist du ja endlich«, fing er sich und drückte die Türe zurück in ihren Rahmen.

Gray musterte ihn ausdruckslos. »Was willst du hier?«

»Ich ... ich habe dich gesucht ...!«, haspelte sein Gegenüber.
»Und das gibt dir das Recht mein Haus zu betreten?«, herrschte Gray ihn an.

»Ich ... ich habe geklopft, aber es hat niemand aufgemacht. Da ... da habe ich mir Sorgen gemacht ... und die Tür war nicht zugesperrt.«
»Als ob!«, spuckte er aus und lugte um seinen Sohn herum auf den nun wieder geschlossenen Eingang.

Conner, der sich in der Enge der Veranda an ihm vorbei schob und auf dem Weg stehen blieb, fuchtelte unbestimmt mit den Händen in der Luft herum.
»Oh entschuldige bitte, dass ich mir Sorgen um meinen Vater gemacht habe, nachdem ich monatelang keinen Mucks von ihm hörte. Das ist wirklich unverschämt von mir! Was habe ich mir nur dabei gedacht?«, krähte er sarkastisch.

Gray ignorierte den gekünstelten Ton. »Den Schwachsinn kannst du dir sparen, Conner! Was zum Teufel willst du hier?«

»Nach dir sehen! Habe ich doch gesagt«, motzte sein Sohn ungehalten. »Steven hat gehört, dass es in deinem Revier ärger gab, und ich habe mir Sorgen gemacht, dass dir etwas passiert ist. Hältst du so wenig von mir, dass du denkst, es wäre mir egal, ob du lebst?« Er sah ihn aufgebracht an.

Gray beobachtete ihn argwöhnisch. Der Junge schien nicht zu lügen. Andererseits fiel es ihm von jeher schwer, seine Absichten zu durchschauen. Sicherlich Conner war ein Taugenichts, sie beide verstritten, doch es gab andere Zeiten. Ihm zu unterstellen, das Wohlergehen seines Vaters sei ihm mittlerweile gänzlich egal – selbst wenn es absurd war, anzunehmen ihm sei etwas zugestoßen –, ginge in der Tat zu weit.

Er entschied sich für einen versöhnlicheren Tonfall.
»Ich habe keine Ahnung, wer dieser Steven ist. Trotzdem war das, was er dir erzählt hat, Schwachsinn. Abgesehen davon, dass es mir bestens geht, war hier seit über einem Jahr rein gar nichts mehr los.« Er seufzte, »Also vielen Dank, dass du nach mir gesehen hast, aber demnächst benutz ein Telefon, das erspart dir die Fahrt hier raus«, und wendete sich abschließend der Türe zu.

»Dad, ich-.«
Gray drehte sich erneut zurück zu seinem Sohn, schwieg jedoch verbissen und starrte ihn abwartend an.
»Ach nichts! ... Vergiss es.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stiefelte Conner den Weg hinunter und bog um die Ecke. Kurz darauf heulte ein Motor auf und der orange Pick-up seines Sohnes schlitterte über den Kies davon.

Gray sah im nach.
»Was für eine verdammte Nacht!«, fluchte er stumm und riss ungehalten an der Eingangstüre, deren rostige Scharniere seinem Jähzorn mit verängstigtem Ächzen quittierten.

Er schnappte sich eine Dose Bier aus dem Kühlschrank und öffnete sie, während er in sein Wohnzimmer schritt. Bleiern sank er in seinen Sessel und griff lustlos nach der Fernbedienung.
»Verdammter Junge! Er hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, um hier aufzutauchen.« Er trank einen Schluck und schaltete den Fernseher ein, dann erinnerte er sich an etwas.

Er stapfte zurück in die Küche und betrachtete das Schloss des Nebeneingangs nachdenklich. Es schien unversehrt. Anscheinend hatte Conner die Wahrheit gesagt. Gray hatte vergessen abzuschließen.
Auf dem Weg zurück in das Wohnzimmer fiel sein Blick auf die zwei großen Truhen, die am hinteren Ende des kleinen Flures stand. Wie gewohnt versperrte sie den Zugang zu seinem vollgestopften Keller. Ein Runzeln huschte über Grays Stirn. Er war sich nicht sicher, doch er könnte schwören, dass sie verrückt worden waren.

Fortsetzung 11.11.2022 | 18.00 Uhr





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