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Schatten 🌕

  • Autorenbild: Carrie Dane
    Carrie Dane
  • 11. Nov. 2022
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Dez. 2022

- Kapitel 3 -

Gray unterzog die Truhen einer weiteren eingehenderen Betrachtung, in der Hoffnung herauszufinden, ob ihrer Position sich verändert hatte – vergebens. Er konnte sich nicht vorstellen, was sein Sohn in dem Keller zu finden hoffte. Außer kaum noch brauchbaren Möbel, Staub und allerhand vergessenem Gerümpel befand sich nichts dort unten. Schon gar nicht etwas von Wert, welches das plötzliche Interesse Conners wecken konnte, doch die nagenden Zweifel seines Inneren ließ ihn rastlos werden.

Ohne weiter darüber nachzudenken, stellte er das Bier zur Seite und begann die Kisten von der Falltür herunterzuzerren. Als er die Luke öffnete und die Leiter hinunterkletterte, umfing ihn muffige Dunst. Am Boden des Kellers angelangt zog er an der dünnen Metallkette, die von der einzigen Lichtquelle hier unten baumelte. Kurz darauf tauchte trübes Licht den übersichtlichen Raum in düstergelben Schimmer.

Gray verharrte an Ort und Stelle und besah sich das Durcheinander. Platz zum Bewegen blieb ihm ohnehin nicht. Die winzige Kammer war achtlos bis unter die Decke vollgestopft mit allem Möglichen, was sich in den letzten fünfzig Jahren in seinem Leben ansammelte und dessen er überdrüssig wurde. Es bereitete ihm zusehends Probleme, sich vorzustellen, dass Conner hier gewesen war und selbst wenn, er hätte unverrichteter Dinge den Rückzug antreten müssen. Sogar ihm fiel es schwer, sich an den Aufenthaltsort von irgendetwas hier zu erinnern und das, obwohl er eigenhändig all das Zeugs herunter schleppte.

Um sich gänzlich zu versichern, hob er abschließend die Nase und ließ die abgestandene Luft durch sie hindurchgleiten. Außer Staub und dem Geruch einiger Mäuse, die offensichtlich irgendwo in dem Gerümpel ihr zu Hause fanden, nahm er nichts Bemerkenswertes wahr.

»So viel Misstrauen geht zu weit!«, schalt er sich selbst.

Taugenichts hin oder her, bestohlen hatte sein Sohn ihn nie ... nun ja, fast. Aber das einzige Mal lag derart lange in der Vergangenheit, dass er dieses Vorkommnis unter kindlicher Dummheit verbuchte. Zumal er lediglich etwas Geld aus seiner Börse nahm, um sich ein Comic Heft zu besorgen, dessen Kauf der Vater ihm verwehrte. Ein letzter Blick reichte und er beschloss, der Sache nicht weiter nachzugehen.

Entschlossen griff Gray nach der Kette über seinem Kopf und stieg zurück in den oberen Flur.

Gerade als er die Truhen erneut an ihren Platz wuchtete, kam ihm eine bisher außer Acht gelassene Möglichkeit in den Sinn. Skeptisch besah er sich den Deckel. Warum auch immer war er derart auf den Kellerraum fixiert, dass er das Naheliegendste völlig übersah. Den Inhalt der Kisten selbst. Wenn Conner hoffte, etwas von Wert zu finden, dann vermutlich dort, denn früh hatte Gray die Angewohnheit besessen einen Teil seines Ersparten in dem Chaos in ihrem Inneren zu verstecken.

Ungehalten riss er den Deckel zurück und stieß dabei mit dem Ellenbogen gegen das Regal zu seiner Linken. Das Konstrukt, von Beginn an bereits gefährlich instabil, wackelte auf der Stelle bedenklich und rutschte schließlich von einem der Steine, die als sein Sockel dienten. Gray schaffte es gerade noch, nach dem Gestell zu packen und zu verhindern, dass sich alles, samt Stellage, über ihm ergoss. Der Karton von dem obersten Brett klatschte dennoch herunter und landete mit einem lauten Knall auf den Truhen. Der Deckel sprang auf und der Inhalt rieselte farbenfroh heraus.

»Verdammte. Beschissene. Nacht«, fluchte Gray ungehalten und stieß das Regal mit der Schulter zurück an seinen Platz.

Innerlich nahe an den Siedepunkt gebracht bückte er sich in Richtung des lädierten Pappbehälters und begann wutentbrannt den herausgefallenen Krimskrams einzusammeln. Als er sich ein Foto schnappte, das hinter Wand und Truhe steckte, und es wütend in den Karton zurückpfefferte, hielt er inne.

»Natürlich musste das auch noch sein«. Er seufzte zynisch und fingerte langsam nach dem an einigen Stellen verblichenen Foto. An und für sich zeigte es nichts Bemerkenswertes. Lediglich ihn, umringt von der Gruppe ehemaliger Freunde.

Es war sein fünfundzwanzigster Geburtstag, an dem dieses Bild entstand. Gray erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, auch oder vielleicht gerade deshalb, weil er seit Jahren keinerlei Gedanken mehr an den Tag verschwendete. Jenem an dem man ihn dazu zwang, endgültig erwachsen zu werden ... und nichts daran behielt er in guter Erinnerung.

Nachdenklich betrachtete er die fröhlichen Gesichter genauer. Die beiden ganz Links, Jessica und Frank, starben wenige Jahre danach; in Folge der Unruhen, die sich zwischen ihren Rudeln ergaben.

Das Letzte, was er von Finja hörte, dem grinsenden Mädchen in der Mitte, war, dass sie und ihre Familie sich einer Meute im Osten anschlossen. Ob sie noch lebte, wagte er zu bezweifeln. Keiner der ihren verfügte je über echtes Wolfsblut und der Tag der Fotografie, lag mehr als eine sterbliche Existenz zurück. Als sich seine Aufmerksamkeit dem jungen Mann rechts von ihm zuwendete, legte sich ein bleierner Ring um seinen Brustkorb und er schluckte schwer.

Blake war der einzige Mensch, dem es jemals gelang, so weit in sein Leben vorzudringen, dass er ihn als Freund bezeichnete, wobei dieses Wort allein nicht reichte, um das was zwischen ihnen war zu beschreiben. Gray und er ... sie beide waren lange so vieles mehr als bloß das.

Das Atmen fiel ihm zusehends schwerer, denn der eherne Ring begann langsam ihm ebenfalls die Kehle zuzuschnüren, je länger er die Fotografie betrachtete.

Ihre damalige Beziehung ließ sich beileibe nicht als komplikationslos, nicht einmal als harmonisch, bezeichnen, dennoch kamen sie nicht voneinander los.

Rückblickend konnte Gray sich keinen Reim darauf machen, wie dieses Band zwischen ihnen jemals entstand. Trotz alledem war eines sicher: Nichts in seinem Leben bedauerte er so sehr, wie das Erfordernis Blake den Rücken zu kehren. Eine Möglichkeit des Zurücks stand außer Frage und mittlerweile durfte auch sein Tod Jahrzehnte her sein, mutmaßte er. Über den Lebensweg, welchen sein Ex einschlug, nachdem Gray ihn sitzen ließ, wusste er nichts. In jenen Tagen legte er sich selbst das Verbot auf, je wieder etwas von ihm zu hören, und daran hielt er sich stets.

Es war Ewigkeiten her, seitdem er das letzte Mal an Blake dachte – zumindest vermied er es, wenn er wach war. Ab und zu suchte das Verlorene ihn in seinen Träumen heim und seit geraumer Zeit wurde er das Gefühl nicht los, die Abstände verkürzten sich mit jedem Jahr, allerdings gestattete er keiner dieser Nachterscheinungen, ihm durch den Tag zu folgen.

Er beendete die Rückschau abrupt und mit derselben Härte wie ihre damalige Beziehung.

»Das, was ich getan habe, war notwendig. Sinnlos weitere Gedanken daran zu verschwenden«, beschied er abschließend und warf das Foto zurück zu den anderen Dingen.

Als er den Deckel schloss, um das Gestern wegzusperren, bedachte er das Bild mit einem letzten Blick. Prompt huschte ein Lächeln über seine Lippen, als er sich an Blakes Hang zur Melodramatik erinnerte. Ironischerweise sprengte die Retrospektive den eisernen Ring um ihn herum endgültig.

»Lange hätten wir es eh nicht im gemeinsamen Alltag ausgehalten«, stellte er fest. »Seine ständigen Dramen fehlen mir auf jeden Fall nicht.«

Gray schloss den Karton endgültig und schob ihn zurück auf das oberste Regalbrett. Danach wendete er sich abermals den Truhen zu.

Nachdem er ihren Inhalt endlich einer Musterung unterzog, stellte er fest, dass auch sie dem Anschein nach nicht durchwühlt wurden. Ob vielleicht doch etwas fehlte, ließ sich aufgrund der Menge an Kleinkram nicht abschließend klären. Nichtsdestotrotz entscheid er an dieser Stelle endgültig, dass Conner lediglich uneingeladen in sein Haus eindrang, weil er sich um seinen Vater sorgte.

Er schloss den Deckel und stand auf. Vielleicht wäre es an der Zeit das Kriegsbeil zwischen ihnen zu begraben, überlegte Gray, und sah flüchtig zu dem Karton zuoberst des Regales.

Beiläufig griff er nach der Dose Bier und trank. Irgendwann würde der Tag kommen an dem auch Conner starb, während er zurückblieb. Etwas in ihm kam zu dem Schluss, dass er es bedauern würde, wenn er nicht zumindest versuchte, sich mit dem Spross auszusöhnen.

»... nur nicht gerade morgen«, brummte er unbestimmt.

Den restlichen Inhalt der Blechbüchse in einem Zug herunterstürzend machte er sich auf in Richtung des Schlafzimmers. Für heute hatte er genug, beschloss er. Achtlos schob er das leere Bier auf den Nachttisch und ließ sich angezogen auf das unordentliche Bett fallen. Schlaf war der einzige Begleiter, den er sich momentan wünschte.

Kurz darauf sank er bereits dankbar in heimelige Schwärze. Beruhigende Dunkelheit, in der Nichts ihn störte und niemand Entscheidungen von ihm verlangte – tröstliche Ruhe und sanfter Frieden. Irgendwo in unendlicher Entfernung lauerten die vertrauten dräuenden Schemen, heute allerdings reichte keines bis an ihn heran.

Plötzlich schreckte er hoch. Etwas hatte ihn geweckt, doch er war sich nicht sicher, was es war.

Geräuschlos richtete er sich auf und lauschte in die Stille hinein. Wie erwartet umfing ihn nichts als Ruhe und das rhythmische Ticken der alten Uhr. Gray sank matt zurück auf das Kopfkissen.

»Um Geister zu sehen bist du viel zu alt«, schalt er sich schlaftrunken.

Gerade als er die Augen erneut schloss, hörte er ein leises Schaben aus dem angrenzenden Wohnzimmer.

Wie der Blitz kam er auf die Füße. Dieses Mal irrte er sich nicht. Das anhaltende Kratzen war kaum wahrnehmbar, doch definitiv vorhanden. Irgendjemand machte sich an den Möbeln im Nebenraum zu schaffen.

Gray witterte und verzog kurz darauf angewidert das Gesicht, als ihm der flüchtige Hauch des Todes in die Nase stieg.

»Was zum Teufel hat ein Blutsauger hier zu suchen?«

Für einen Moment war er völlig perplex. In seinem Leben begegnete ihm bereits vieles an Dreistigkeit, doch, dass es die Vampirsippschaft bis in seine eigenen vier Wände wagte, kam noch nie vor.

Den blindwütig tobenden Trieb kopflos loszustürmen und dem Spitzzahn mit bloßen Händen das Herz aus der Brust zu reißen, kämpfte er nieder. Vermutlich würde es zum Schluss ohnehin mit einem aufgebrochenen Brustkorb enden, doch die Aussicht, neben der Notwendigkeit der Bereinigung des Blutbades, das er unweigerlich dabei anrichten würde, ebenfalls noch die Hälfte seiner Einrichtung zu zerlegen hielt ihn zurück. Für den Moment zog er die stille Natur seines wölfischen Wesens vor. Vorsichtig und mit Bedacht näherte er sich langsam der Türe.

Lautlos schob er ihr Blatt zur Seite und lugte durch den Spalt in das im fahlen Nachtlicht liegende Wohnzimmer.

Fortsetzung: 18.11.2022 | 18.00 Uhr





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