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Schatten 🌕

  • Autorenbild: Carrie Dane
    Carrie Dane
  • 28. Okt. 2022
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Dez. 2022

- Kapitel 1 -

Vor Jahrhunderten tobte ein erbitterter Krieg - Werwölfe gegen Vampire.

Die Magier, die Feiglinge, hielten sich raus – so wie immer. Verschanzten sich hinter ihren Bollwerken aus Stein und Staub, wälzten Folianten und warteten ab. Erst als die Fehde mehr und mehr Raum forderte, immer näher an ihre Lande heranrückte, griffen sie ein.

Zuerst wendeten sie sich an die Vampire. Dachten, sie wären die Klügeren, oder zumindest leichter zu manipulieren ... unter Kontrolle zu halten. Eine Fehleinschätzung, deren endgültige Tragweite sie erst viele Jahrzehnte danach begriffen. Aber das ist eine andere Geschichte und darüber hinaus nicht einmal eine gute.

Was diese betrifft: Die Blutsauger, gefangen in der Überheblichkeit, die ihre Unsterblichkeit mit sich bringt, schlugen die Offerte aus. Sie sahen sich längst als die Gewinner der Schlacht ... oder vielleicht gab es für sie letztlich schlicht nichts mehr zu verlieren. Wer weiß schon, was in den Köpfen der Lichtscheuen vor sich geht.

Danach kamen die Zauberweber zu uns. Brachten Nahrung für die Geflüchteten – die Mütter mit ihren Welpen. Heilte unsere Verwundeten und zeigten Anteilnahme.

Ebenfalls wendeten sie sich an die Alphas der Rudel. Gleichwohl trauten sie ihnen nicht. Sie schickten ihre Boten weg, oft ohne sie überhaupt anzuhören. Manche ließen den Laufburschen nicht einmal dieses Glück zuteilwerden. Auch die Werwölfe haben zu jener Zeit Dinge getan, die lieber in Vergessenheit geraten würden. Jedoch Geschichte ist wichtig – wir müssen sie stets erinnern. Wie dem auch sei ... Die Magier schickten unablässig weiter Kuriere. Sie waren bemüht, das kann man nicht anders sagen. Zugegebenermaßen lag Aufgabe noch nie in ihrem Naturell. Gebracht hat es dennoch nichts.

Irgendwann erfuhren die Vampire von den Bemühungen und ihr Groll wuchs. Vielleicht waren sie neidisch, dass die Zauberweber es mit uns derart lange versuchten, während sie die diplomatischen Lösungen mit ihnen schnell aufgaben. Die Blutsauger betrachteten sich von jeher als die Krone der Schöpfung und ihr Hochmut war zu jener Zeit grenzenlos. Gerade deshalb muss es sie bis ins Mark getroffen haben, soviel steht fest.

Doch selbst unter jenen mit besten Absichten gibt es stets solche die sich nach Zwietracht sehnen. Kollaborateure mit nichts als Gier im Sinn. Einer von ihnen – Herold Valentine – sah sich zu Großem vorherbestimmt. Er trachtete seit Langem, danach persönliche Macht und Reichtum zu mehren, und sah in dem brennenden Konflikt seine Gelegenheit gekommen.

Einer der Anführer der Angreifer, ein Vampir mit Namen Desmond Neal, verfügte über unvorstellbare Kräfte. Fähigkeiten, von denen die Lichtscheuen heutzutage nur noch in ihren wildesten Träumen fantasieren. Dessen ungeachtet nützt all sein Potenzial den Blutsaugern nichts, denn so wie der Gestank ihrer ganzen Sippschaft drang gleichfalls Desmonds fauliger Moder giftig in unsere Nasen, lange bevor er in Reichweite geriet.

Diese beiden dagegen, einer verkommener als der andere, fanden ineinander ihr Gegenstück. Harold belegte Desmond mit einem Zauber, der den Gestank des Spitzzahnigen für unsere empfindlichen Nasen verbarg. Wir hielten ihn für einen von uns. Einem Halbwüchsigen – knochig und schwächlich, wie sein Körper war. Für den Krieg an vorderster Front zu kümmerlich, doch als Verteidiger der Vertriebenen in jedem Fall tauglich.

Sie schickten ihn weit in das Hinterland, dorthin, wo sie die Schwächsten von uns sicher glaubten. Die Jungen, deren Eltern fielen oder weiterhin unerbittlich für unseren Sieg kämpften. Die Alten und Kranken, eben all jene die eines besonderen Schutzes bedurften; diejenigen die keinerlei Schuld an all dem Leid des Krieges trugen.

Desmond wartete bis zum Einbruch der Nacht, dann tötete er sie alle. Noch bevor der Mond vollkommen am Himmel stand, war die Luft erfüllt mit dem metallischen Geruch von Blut und Verzweiflung. Er ließ niemandem am Leben – selbst die jüngsten Welpen, gerade wenige Monate alt, fielen seiner Grausamkeit zum Opfer. Bei Sonnenaufgang glich das Lager nichts mehr als in Rot getränkten Laken, die die in Fetzen-.

»Gray! Jetzt reicht es aber mit den Schauergeschichten! Willst du, dass die Kleinen die nächsten Nächte kein Auge mehr zu machen?« Lorna stemmte protestierend die Hände in ihre rundlichen Hüften und warf dem Mann einen warnenden Blick zu, der seufzend verstummte.

Danach wendete sie sich der kleinen Schar Kinder zu, die auf ihren Plätzen rings um das Feuer saßen. Sie alle waren merklich zusammengezuckt als ihre Stimme, wie ein Peitschenknall, die angespannte Stille durchbrach. Lorna bereitete es ein wenig Schwierigkeiten, sich das Lachen zu verkneifen. Sie beeilte sich, fortzufahren, bevor die Kleinen, erst einmal von dem Schreck erholt, zweifelsohne zu mürrischem Knurren anhoben.

»Ihr zwei macht, dass ihr nach Haus kommt«, fuhr sie die rothaarigen Zwillinge an. »Angelika hat schon angerufen und gefragt, wo ihr Rumtreiber wieder steckt. Ihr bringt eure Mutter noch ins Grab, mit den ständigen Flausen, die ihr im Kopf habt«, meckerte sie, mehr und mehr in gespielter Empörung. Doch es reichte. Ohne ein Wort des Protestes schossen die beiden Jungen von ihren Plätzen auf, murmelten einen schnellen Abschied und stoben im selben Augenblick die Einfahrt hinunter. Lorna betrachtete ihre Flucht mit einem gönnerhaften Seufzer.

»Und du junger Mann siehst ebenfalls zu, dass du ins Bett kommst, Jack«, erinnerte sie sich kurz darauf an den eigentlichen Grund ihres Auftauchens. »Es ist weit nach zehn. Du weißt, was wir besprochen haben. Also los! Abmarsch in die Federn.«

»Aber ich möchte die Geschichte zu Ende hören. Ich bekomme bestimmt keine Albträume – versprochen!«, jammerte der blonde Junge, der auf dem grobschlächtigen Holzklotz ein wenig verloren wirkte.

»Das hast du bereits beim letzten Mal gesagt. Und was war, als Mama es dir erlaubt hat? Ganze drei Wochen hat es gedauert, bis du die Nächte wieder in deinem Bett verbracht hast. Ständig wolltest du bei mir schlafen. Das mache ich nicht erneut mit. Dieses Mal schließe ich mein Zimmer ab.« Jody bedachte ihren Bruder mit einem enervierten Augenrollen und verschränkte zusätzlich die Arme vor der Brust, um ihre Haltung zu verdeutlichen.

»Nein, ganz bestimmt nicht! Jetzt habe ich keine Angst mehr – ich schwöre es! Bitte, Mama ... Bitte!«

»Jack, ein anderes Mal«, mischte sich Gray in den Disput ein. »Wenn deine Mutter nicht möchte, dass du das hörst, dann diskutier nicht mit ihr darüber. Sie hat ihre Gründe.«

Der Junge verzog das Gesicht und holte Luft, um erneut aufzubegehren.

»Aber ich«-.

»Es reicht!«, schnitt Gray ihm das Wort ab. »Mach was deine Mutter dir sagt. Wenn du weiterhin so bockig bist, nehme ich dich nicht mit, auf die Jagd. Haben wir uns verstanden?« Er sah ihn nachdrücklich an.

Es dauerte einen Moment, bevor er kleinlaut nickte: »Okay ...!«

Gray lächelte versöhnlich. Als ihm der Kleine die Arme um seinen Hals schlang, um sich zu verabschieden, flüsterte er ihm ins Ohr:

»Den Rest der Geschichte erzähle ich, wenn wir jagen sind. Aber sag‘s nicht deiner Mutter! Das ist eine Sache ganz unter uns, verstanden.«

Der Junge drückte sich einen Moment fester an ihn, um das Geheimnis zu besiegeln, dann gab er ihn frei.

»Gute Nacht!«

»Nacht Jack. Zähneputzen nicht vergessen, sonst fallen dir die Beißer aus, bevor du sie richtig benutzen kannst.« Grinsend sah er seinem Enkel nach, der kurz darauf im Haus verschwand.

»Bilde dir ja nicht ein ich hätte nicht gehört, was du ihm da zugeraunt hast.« Lorna verzog verdrossen den Mund. »Aber sei’s drum ... gegen deinen Dickschädel ist man machtlos. Abgesehen davon wirst du es sein, der sich dann die nächsten Nächte mit Jacks Angst herumschlagen darf. Vielleicht rückt dir das endlich den Kopf zurecht.«

Er seufzte. Etwas in ihm war sich bewusst, dass es nicht in Ordnung war die mütterliche Kompetenz zu unterwandern, andererseits wuchs der Junge ohne Vater auf. War es somit nicht seine Pflicht, als Großvater, Jack auf die Realität vorzubereiten?

»Ich denke, du machst dir zu viele Sorgen um den Kurzen«, beschloss er. »Der Kleine ist tough – in jedem Fall weitaus robuster, als er aussieht. Irgendwann wird er unsere Geschichte lernen, je früher, desto besser. Schließlich ist er das erstgeborene Wolfsblut eures Rudels. In einigen Jahren wird er die Führung übernehmen müssen. Es gibt sonst niemanden, der es könnte.«

Lorna verzog das Gesicht und ließ sich schwer auf einem der Baumstümpfe nieder.

»Außer dir ...!«, nuschelte sie, mit kaum verhohlenem Vorwurf in der Stimme.

Gray schüttelte zermürbt den Kopf.

»Nicht wieder diese Diskussion ...!«, betete er.

»Lorna, du weißt, ich liebe dich und die Kinder. Doch Conner, ebenso wie du, fällten den Entschluss, das Rudel zu verlassen. Meine Bedingungen haben euch nicht gepasst. Ihr wolltet es alleine versuchen, selbst eine Gruppe gründen und ihr kanntet den Preis den ihr«-.

»Komm schon Gray. Du könntest alles ändern, wenn du wolltest. Das weißt du genau«, unterbrach sie ihn ungehalten und stocherte im Feuer herum, während sie ihre Kiefer wütend aufeinanderpresste. Offensichtlich lag ihr weitaus mehr auf der Zunge. Allerdings schien sie sich daran zu erinnern, welchen Ausgang diese Diskussion stets nahm, und zog die Schweigsamkeit vor.

Gray bedachte sie mit einem nachsichtigen Blick, bevor er nichtsdestotrotz grimmig fortfuhr:

»Regeln sind Regeln, Lorna. Brichst du eine, trittst du einen Damm los. Meine Leute verlassen sich darauf, dass ich mich um sie kümmere, zu ihrem Wohl handele und genau das habe ich von jeher getan. Ich stehe zu den Versprechen ... genauso wie zu den Entscheidungen.«

»Pfff! Und was sind wir dann? Fremde?« Sie funkelte ihn an. »Warum kommst du überhaupt her, wenn du nicht bereit bist, etwas für uns zu tun. Stellst du dich einfach nur gerne als Samariter da? Ist es das?«

Für einen Moment fiel es ihm schwer, ihrem anklagenden Blick standzuhalten, doch ihm blieb keine Wahl. Lorna hingegen trieb sein Starrsinn weiter voran.

»Conner hat mir vieles erzählt«, zischte sie drohend. »Glaub nicht ich, würde vergessen, was er wegen dir durchgemacht hat. Ganz egal wie sehr du eine Veränderung vorgibst, in deinem Kern bist du alles andere als ein Heiliger, Gray Flint – das wissen wir beide! Also tu nicht so, als wären es Regeln, die dich davon abhalten.«

Als sie verstummte und ihn zornesfunkelnd anstierte, atmete er durch, zählte bis zehn und trieb die innere Bestie, die bereits die Zähne fletschte, zurück in die Finsternis. Erst danach begann er zu sprechen – Wort für Wort und mit Bedacht:

»Es war Conner, den die Regeln nicht scherten. Er zwang mich zum Handeln und ich bin mir sicher, diese Wahrheit war ihm in seinem Inneren stets bewusst, genauso wie dir. Dennoch habe ich vieles getan, worüber man streiten kann. Allerdings habe ich niemals die Treue zu meinem Rudel gebrochen ... und das ist etwas, das ich weiterhin nicht vorhabe zu tun. Weder für dich noch für deine Kinder und erst recht nicht für diesen Taugenichts von Sohn.«

Fortsetzung: 04.11.2022 | 18.00 Uhr




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