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Schatten 🌕

  • Autorenbild: Carrie Dane
    Carrie Dane
  • 18. Nov. 2022
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Dez. 2022

- Kapitel 4 -

Gray lugte durch den Türspalt. Das fahle Mondlicht, dessen Schimmer sich seinen Weg durch die dichten Tannen vom Himmel herunter kämpfte, reichte, um den Raum für ihn zu beleuchten. Allerdings verhinderte seine Position den Gesamtüberblick.

Vorsichtig und mit gespitzten Ohren schob er sich lautlos durch die Öffnung und vermied es geschickt, auf das knarzende Dielenbrett unmittelbar vor seinem Schlafzimmer zu treten. Ein weiteres Schaben hinter der Ecke zu seiner Rechten ließ ihn innehalten. Ein einziger langer Schritt genügte und er lugte besonnen um die Wand.

Der fensterlose Bereich vor ihm lag jedoch in annähender Finsternis und Gray blieb keine andere Wahl als sich gänzlich auf seine übermenschlichen Instinkte zu verlassen. Es dauerte einen Moment, doch kurz darauf machte er die Position des Eindringlings aus. Offensichtlich durchwühlte dieser soeben die Schubladen seines Schreibtisches.

Er schüttelte den Kopf. Irgendwie erschien ihm die gesamte Situation obskur. Seine Behausung lag fernab der Straße. Kaum vorstellbar, dass jemand zufällig hier vorbeikam – erst recht ein Vampir. Dies hier war seit langem Wolfsterritorium. Egal, beschloss er. Das konnte warten. Er würde ganz sicher einige Worte aus dem Blutsauger herauspressen, bevor er ihm endgültig den Garaus machte. Vorbereitend straffte er sich und schoss einen Wimpernschlag später um die Ecke, zielsicher auf den Störenfried los. Womit er nicht rechnete, war dessen Geschwindigkeit.

Gray, der all sein Gewicht in den Angriff legte, war nicht darauf vorbereitet ins Leere zu packen. Der fehlende Widerstand brachte ihn ins Taumeln und rammte ihm unsanft die Tischkante in die Hüfte, als dieser zu seinem Bremsklotz wurde.

Zeit, um sich von dem wuchtigen Aufprall zu erholen, blieb nicht. Er bemerkte eine Bewegung neben sich und tauchte gerade noch rechtzeitig nach unten weg. Die hellen Finger, die aus der Schwärze auftauchten, verfehlten ihr Ziel und schlugen krachend in die hölzerne Wand hinter ihm.

Der Angreifer quittierte die Bekanntschaft mit dem unliebsamen Material mit einem lauten Schrei, bevor er sich fuchsteufelswild herumwarf und einen neuerlichen Angriff auf Gray startete. Dieses Mal war der darauf vorbereitet und sprang ebenfalls in Richtung des Eindringlings.

Wieder durchkreuzte dessen Geschwindigkeit seine Pläne und er bekam anstelle des Arms, auf den er abzielte, lediglich den Zipfel der Jacke zu fassen. Geistesgegenwärtig riss er daran, in der Hoffnung den Gegner zu Fall zu bringen. Alles, was er erreichte, war, dass ihm das Stück Kleidungsstück entgegenschlug. Der andere hatte sich wie der Blitz aus ihm herausgewunden.

Selbst für einen Vampir, die ihre körperliche Unterlegenheit den Wölfen gegenüber einzig durch ihre Geschicklichkeit wettmachten, musste er zugeben, dass dieser hier ausgesprochen flink unterwegs war. Um sich mit dieser Tatsache zu beschäftigen, war gerade jedoch der denkbar ungünstigste Zeitpunkt.

In letzter Sekunde bemerkte Gray, wie der andere erneut aus dem Nichts, auf ihn zuschoss und änderte seine Taktik. Achtlos schleuderte er die Jacke von sich weg und vollführte eine träge Ausweichrolle. Dadurch ließ er zu, dass der Vampir seinen Hals zu fassen bekam. Dessen Nägel bohrten sich auf der Stelle beißend in seine Haut. Den Schmerz schluckte er hinunter, ebenso das schier unbändige Verlangen die Kontrolle abzugeben – für eine Verwandlung blieb keine Zeit.

Sein Kontrahent, wahrscheinlich durch die Tatsache berauscht, dass er ihn zu fassen bekam, wog sich in falscher Sicherheit und vernachlässigte die Aufmerksamkeit. Während er den Würgegriff um seinen Hals verstärkte, fasste Gray blitzschnell nach den bereits durch die Splitter lädierten Fingern an seiner Kehle und riss diese rigoros zurück. Ein deutliches Knacken beschied das Brechen der Knochen.

Der Angreifer heulte schmerzvoll auf und versuchte gleichzeitig, die Handglieder aus dem Klammergriff zu befreien. Vergebens. Gray wandt sich unter dem Körper hervor, schleuderte ihn auf den Rücken und fixierte seine Arme mit den Knien auf den Dielenbrettern. Nach Reden war ihm in jedem Fall nicht mehr zumute, beschloss er und holte mit der Faust zu dem vernichtenden Schlag aus.

In dem Moment stießen die in Panik um sich tretenden Beine des anderen gegen eine Stehlampe. Diese kippte und streifte auf ihrem Weg nach unten den Lichtschalter. Auf der Stelle flutete goldschimmernder Glanz den dunklen Raum und blendete ihn.

Der Blutsauger hingegen, den sicheren Tod bereits vor Augen, nutzte die Gelegenheit und rammte Gray das Knie in den Rücken. Als dieser für eine Sekunde aus dem Gleichgewicht geriet, riss der Spitzzahn einen der Arme unter seinem Bein hervor und schlug ihm ungelenk durchs Gesicht.

Tatsächlich zogen die Nägel des Vampirs brennend blutende Striemen über seine Stirn und Wange und erschwerten die Sicht damit zusätzlich. Annähernd blind grapschte er tollpatschig nach der weiterhin um sich schlagenden Hand. Er bekam sie erneut zu fassen und donnerte den Arm dermaßen brutal zurück, dass er ihn durch die Bodendielen hindurch schlug. Den markerschütternden Schrei des anderen, als das Holz sich splitternd in seinen Arm bohrte, ignorierte er geflissentlich. Abgesehen davon erschien er ihm ein wenig übertrieben.

Gereizt wischte er sich mit der freien Hand das Blut aus den Augen und warf einen wutschäumenden Blick auf den weiterhin zappelnden Eindringling.

»Blake?!«

Entgeistert starrte er auf den Mann zwischen seinen Knien und vernachlässigte gedankenlos den Griff.

Der andere fackelte nicht lange. Erneut rammte er ihm sein Knie schmerzhaft in den Rücken und riss seine Arme mit aller Kraft unter Gray hervor. Den Umstand, dass er sich dabei eine Schulter auskugelte, ließ einen weiteren gellenden Schrei frei, doch nichtsdestotrotz hatte er Erfolg.

Kopflos schoss der Vampir unter ihm weg und war im selben Augenblick auf und davon. Lediglich der Knall, mit dem die Eingangstüre gegen die Wand polterte, deutete an, wohin der Mann sich auf den Weg machte.

Entgeistert sah Gray ihm nach. Während sich das Pulsieren des Adrenalins in seinen Adern legte, krochen gleichzeitig Zweifel in ihm empor. Auf einmal war er sich nicht mehr sicher, ob es sich tatsächlich um Blake handelte, der ihm soeben entwischte. Eine Ähnlichkeit war vorhanden, durchaus, aber ... war er es wirklich?

Die unzähligen Male, die er seinem damaligen Freund einhämmerte, sich keinesfalls auf irgendwelche Machenschaften mit einem der Spitzzähne einzulassen, kamen ihm in den Sinn. Im Gegensatz zu anderen hörte Blake auf ihn, zumindest was das betraf. Warum um alles in der Welt also sollte gerade ihm eine faulige Unendlichkeit als erstrebenswert erschienen sein? Hinzu kam, dass wenn es dennoch geschah, es nicht lange nach ihrer Trennung erfolgt sein konnte. Derjenige, dessen Anwesenheit er nun einen zerstörten Fußboden verdankte, sah kaum zehn Jahre älter aus als Blake damals.

Je länger er darüber nachgrübelte, desto unwahrscheinlicher erschien es, dass es sich um seinen Ex handelte. Außerdem: Warum um alles in der Welt sollte er bei ihm einbrechen? Ein Geheimnis war seine Anwesenheit in diesen Wäldern nicht. Egal wie sehr Vampire und Werwölfe sich verabscheuten ... ab und zu sprach man miteinander. Insbesondere dann, wenn es etwas gab, wofür es unumgänglich wurde, die Gegenwart des anderen zu ertragen. Einen Einbruch bei einem Alpha zu vermeiden, stand selbst bei den Blutsaugern weiter oben auf der Prioritätenliste.

Niemand wünschte sich einen erneuten Krieg. Allen voran nicht der von der Monarchie neuernannte Regent des hiesigen Vampirgebiets. Dieser schien geradezu manisch auf Frieden bedacht. Er versuchte sich, bei jedem Liebkind zu machen, ganz gleich ob Blutsauger, Runenkritzler, Sterblicher oder Wolf. Selbst ihm war der Schönling bereits auf den Geist gegangen, mit den Hymnen auf die Harmonie. Gray schüttelte sich unwillkürlich, als er an die Begegnung mit dem silberhaarigen Mann dachte. Schnell kehrte er zu dem Ursprung seiner Überlegungen zurück.

Was erschien wahrscheinlicher? Blake, der, seit mehr als einem Jahrhundert blutdürstig durch die Gegend strich, sich nie meldete nur um dann aus heiterem Himmel bei ihm einzubrechen, oder jemand Fremdes, der seinem Ex-Freund zum Verwechseln ähnlich sah? Zugegeben beides mutete unwahrscheinlich an, doch die erste Variante um einiges mehr.

»Schluss jetzt!«, befahl er sich und stand auf.

Darüber konnte er sich morgen den Kopf zerbrechen. Er war müde und die Kratzer auf seinem Gesicht brannten wie Feuer. Wenn er nicht wollte, dass der verdammte Eindringling ihm weitere Narben hinterließ, dann sollte er zusehen, dass er die Wunden reinigte. Die Nägel der Lichtscheuen hatten unschöne Auswirkung auf den Körper der seinen. Auf ein bleibendes Andenken aus dieser Nacht konnte er verzichten.

...

»Aber du hast es mir fest versprochen.« Jack sah ihn vorwurfsvoll von unten herauf an.


»Für das Wetter kann ich nichts, Kleiner. Sieh mal nach draußen. Es schüttet aus Kübeln.« Er ging vor ihm in die Hocke.

»Na ja, vielleicht hört es bald auf.«

»Der Wetterbericht sagt etwas anderes.«

»Ach die irren sich doch ständig«, fuhr sein Enkel verächtlich auf. »Aber selbst wenn nicht. Das ist nur Wasser. Mir ist es egal, ob ich nass werde.«

Gray lächelte. »Ich weiß Kurzer. Deine Mutter sieht das allerdings anders. ...Und sie hat recht«, beeilte er sich, klarzustellen auf wessen Seite er stand. »Außerdem geht es hier nicht um die Tropfen. Eine Sturmfront zieht auf. Selbst für uns ist es unklug sich während eines Unwetters ungeschützt in den Wäldern zu bewegen. Das solltest du dir hinter die Ohren schreiben.«

Jack sah ihn an und schob die Unterlippe vor. »Aber ich«-.

Er verstummte abrupt, als er den mahnenden Ausdruck auf Grays Gesicht las.

»Na gut. Ein anderes Mal?«, fragte er dann hoffnungsvoll.

»Wir gehen nächstes Wochenende, versprochen.« Ihm fiel etwas ein: »Das heißt, wenn dich der Vollmond nicht zurückschreckt.«

Der Junge schüttelte auf der Stelle vehement den Kopf.

»Nein. Im Gegenteil!«, ereiferte er sich.

Gray war nicht sicher, ob die Euphorie die Furcht seines Enkels überspielte oder ob er in der Tat unbeeindruckt war.

»Dann ist das abgemacht.«

Um sein Versprechen zu bekräftigen, hielt er dem Jungen die Hand entgegen. Dieser schlug ein und Gray lächelte liebevoll.

»So, und jetzt geh und hohl das Kartenspiel, dessen Revanche ich dir ebenfalls noch schuldig bin. Ich warte im Wohnzimmer. Das heißt, wenn du nichts dagegen hast, Lorna.«

Abwartend sah er seine Schwiegertochter an.

Sie schüttelte den Kopf und Jack stob davon.

»Ehrlich gesagt kommt mir das sogar ganz recht«, begann Lorna verlegen lächelnd. »Ich hatte Jody versprochen mit ihr nach San Myshuno zu fahren und etwas durch die Läden zu bummeln. Jetzt wo es regnet, und der Kurze hierbleibt, habe ich schon befürchtet, ich müsste das verschieben. Würdest du vielleicht länger bleiben und ein paar Stunden auf ihn aufpassen?«

Anstelle einer Antwort zog Gray die Brauen zusammen.

»San Myshuno, hm? Müsst ihr dahin? Es gibt auch in Evergreen Harbour nette Läden. ... so viel weiter weg ist es ebenfalls nicht«, nörgelte er zynisch.

Lorna verdrehte auf der Stelle die Augen. »Uns wird schon kein Vampir auf der Straße anfallen, nur weil wir einen Fuß in die Stadt setzen. Einmal abgesehen davon, dass die meisten sich noch nie für unseresgleichen interessierten, legen sie keinen Wert darauf in das Fadenkreuz des neuen Regenten zu geraten.«

Gray horchte auf.

»Was weißt du von den Angelegenheiten der Blutsauger?«, fragte er skeptisch.

»Wenn du nicht deinen antiquierten Ansichten folgen und endlich einmal selbst mit einem von ihnen reden würdest, dann wüsstest du, dass sie nicht recht wissen, was sie von Lucien halten sollen«, kritisierte Lorna ihn.

Er überhörte den spitzen Unterton. »Warum?«

Sie zuckte die Schultern. »Irgendetwas an den Umständen, wie er zu dem Posten kam, erscheint suspekt, oder so. Genaues weiß ich es nicht. Ich interessiere nicht wirklich für Politik. Für die der Vampire noch viel weniger.«

»Und wer hat dir das alles überhaupt erzählt?«, hakte er nach.

Auf der Stelle lief seine Schwiegertochter rot an und nestelte an ihren Haaren herum. »Ach, das weiß ich nicht mehr«, antwortete sie ausweichend.

»Wer, Lorna?«

»Also ich ...«, sie betrachtete ihre Fingernägel. »Versprich mir, dass du nicht sauer wirst, okay ...«

»Das entscheide ich dann.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie auffordernd an.

»Schon gut«, gab sie seufzend nach. »Es war Conner.«

Fortsetzung: 25.11.2022 | 18.00 Uhr




 
 
 

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