Schatten 🌕
- Carrie Dane

- 25. Nov. 2022
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Dez. 2022
- Kapitel 5 -

»Mein Gott, Lorna!« Gray fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. »Warum? Hat der Taugenichts dir nicht bereits genug ärger eingebrockt? Lernst du es denn nie?«

»Er ist schließlich auch der Vater«, rechtfertigte sie sich.

»Ja und geradezu ein Prachtexemplar. Himmel! Wie lange ist es her, dass er sich das letzte Mal hier blicken ließ? Hilf mir kurz auf die Sprünge.«

»An Jodys zwölftem Geburtstag ... Aber das ändert nichts an der Tatsache. Ich sagte nicht, dass er ein guter Vater ist, Gray! Nur, dass ich weder den Kindern noch ihm den Kontakt verwehre, wenn sie den denn möchten.«

Er horchte auf. »Also ging es nur um die Kleinen?«

»Ja. ...Oder, nein. ...Zumindest nicht nur.« Sie schlang die Arme um den Körper und biss sich auf die Unterlippe.
»Jetzt rück schon mit der Sprache raus. Worum ging es?«
»Ich ...! Er-. Eigentlich geht dich das überhaupt nichts an.« Lorna drehte sich um und begann an der Spüle zu hantieren.

Ihr Verhalten strapazierte zunehmend seine Geduld und im Allgemeinen zeichnete er sich nicht gerade durch eine Vielfalt Selbiger aus.
»Jetzt mach schon den Mund auf«, fuhr er sie an. »Ich habe keine Lust, dir jedes Wort aus der Nase herauszuziehen.«

Mit einer wütenden Bewegung klatschte der Schwamm ins Spülbecken und vollführte einen gekonnten Salto, bevor er auf die Anrichte platschte.
»Wie redest du eigentlich mit mir? Seit wann muss ich vor dir eine Aussage machen? Du bist nicht mein Vater, noch hast du in diesem Rudel irgendetwas zu melden. Du willst etwas wissen? Dann achte gefälligst auf deinen Tonfall.«

Gray ließ sich nicht beirren, allerdings fiel es ihm merklich schwerer, seine verkrampften Kiefer zu lockern.
»Langsam bin ich es leid. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dich von Conner fernhalten sollst, hm. Und was hat es gebracht ... Sobald der Idiot wieder auftauchte, dir ein wenig Honig ums Maul schmierte, dackeltest du zurück. Beim letzten Mal dachte ich bereits, es reicht dir endgültig, aber nein, natürlich nicht. Ich schwöre dir Lorna, wenn Conner dich erneut verarscht, dann geh woanders hin und heul dir die Augen aus. Meine Arme kannst du vergessen!«

Lorna trat einen drohenden Schritt näher.
»Deine Umarmung ist das letzte, wonach mir der Sinn steht, Gray Flint. Das weißt du genauso gut wie ich. Außerdem bin ich erwachsen und alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen. Mit wem ich mich abgebe, geht dich einen Scheißdreck an. Du bist nicht der einzige Alpha in diesem Raum. Also hör auf die Zähne zu fletschen, oder hast du in all den Jahren des Alleinseins sämtlichen Anstand vergessen?«

In seinem Inneren tollte die Bestie rasend und ließ die steinernen Wände des Gefängnisses bedrohlich beben. Mit vielem hatte Lorna recht, ungeachtet dessen irrte sie in einem Punkt. Es gab etwas, dass selbst bei der losen Hackordnung der Rudel untereinander unumstößlich feststand. Je älter ein Wolf, desto schwerer wog sein Wort. Sie mochte die Alpha ihrer Meute sein, doch ob sie wollte oder nicht, in letzter Konsequenz unterstand sie, wie jeder in diesem Territorium, Gray. Ein Umstand, der ihm bisher viele Kämpfe aufnötigte, die er nie plante zu führen und dennoch stets gewann. Sicherlich legte er keinen Wert darauf seiner Schwiegertochter die unumstößliche Grenze aufzuzeigen, deren bestehen sie zweifelsohne erkannte. Dafür war der Anlass lächerlich. Einfach so Kleinbeigeben würde er abgesehen davon trotzdem nicht.

»Das sollte ich besser dich fragen, oder legst du Wert darauf, dass ich dir eine Lektion erteile?«
Der Schritt, den er zusammen mit seinen Worten trat, brachte ihn bis auf wenige Zentimeter an sie heran. Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, fletschte er kaum wahrnehmbar die Zähne. Allerdings reichte seine Nähe bereits aus. Lorna wich unwillkürlich zurück und ließ ihren Blick aus dem Fenster gleiten.
»Na bitte, es geht doch«, dachte er zufrieden und entspannte sich.
»Also war der Wunsch des schleimigen Bezirzens alles, was meinen Sohn hierher trieb, oder gibt es noch mehr?«

»Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Zuerst habe ich gedacht, er vermisst die Kinder ... er vermisst mich. Aber ... seit ein paar Tagen ... ich weiß nicht ...«. Von seiner Einschüchterung weitestgehend zum Reden gebracht verstummte sie nun dennoch erneut.

»Was meinst du damit?«

Sie zuckte die Schultern und sah ihn an. Ihr Blick ließ das Tier in seinem Inneren ein zermürbtes Brummen ausstoßen. Gleichsam trollte es sich tiefer in die Schatten hinein.

Gray seufzte. »Lorna, es tut mir leid. Das weißt du, richtig?«
Sie nickte.
»Willst du mir nicht sagen, was er wollte? Oder soll ich ihn mir gleich persönlich zur Brust nehmen?«

»Nein, so ist das nicht!«, fand sie ihre Stimme wieder. »Conner, er ... streng genommen hat er gar nichts gemacht. Wir haben uns in letzter Zeit öfters getroffen. Er kam ein paarmal zum Essen, völlig harmlos. Ich weiß doch selber, dass das mit uns überhaupt keinen Sinn mehr macht. Dafür ist zu viel kaputt gegangen. Trotzdem es war schön, ihn wieder hier zu haben, vor allem für Jack. Und ich gestehe, dass ich mich dabei erwischte, wie ich darüber nachdachte ihm eine weitere Chance zu geben. Gray, er hat sich tatsächlich bemüht!«, fuhr sie auf, als er ein verächtliches Schnauben von sich gab.

»Ich kann mir das kaum vorstellen, aber wenn du das sagst, dann stimmt es wohl.« Zu mehr entgegenkommen sah er sich nicht bereit, ganz egal wie bittend Lorna ihn betrachtete. Nach einer Weile fuhr sie fort.

»Doch vor knapp einer Woche fragte er, ob ich ihm etwas Geld leihen könnte. Ich hab natürlich Nein gesagt. Wir haben kaum genug um über die Runden zu kommen und selbst wenn es anders wäre, ich bin nicht blöd! Für ihn erledigte sich das Gespräch darüber auf der Stelle und es schien vollkommen in Ordnung. Er hat nicht weiter gefragt, aber auf irgendeine Art war die Situation trotzdem seltsam. Und seitdem ... habe ich nichts mehr von ihm gehört. Das klingt dumm, ich weiß. Aber wie auch immer, ich werde das Gefühl nicht los, dass er in Schwierigkeiten steckt.«

Er lachte auf. »Das wäre nichts Neues.«
»Schon ... aber irgendetwas sagt mir, dass es dieses Mal schlimm ist.«
»Das ist es immer, Lorna. Ich kann mich kaum erinnern, dass der Junge etwas ausfraß, seitdem er erwachsen war, dass keine schwerwiegenden Konsequenzen besaß. Nur bekam er nie die volle Wucht der Auswirkungen zu spüren, dafür habe ich gesorgt. Langsam verliere ich ungeachtet dessen die Lust daran, für ihn in die Bresche zu springen. Ehrlich gesagt reicht es mir schon seit einer geraumen Weile.« Gray schob seinen Hut zurück und fuhr sich durch die Haare.

»Könntest du vielleicht trotzdem ...«. Sie verstummte.

»Was? Mit ihm reden?«
Lorna hob die Schultern und ließ sie sinken. Er verzog das Gesicht. Die Truhen fielen ihm ein. Jetzt nachdem er all das hörte, schien es sicher, dass Conner bei ihm auftauchte, um ebenfalls nach Geld zu fragen. Vermutlich hatte er die Kisten tatsächlich durchwühlt, als er das Haus verlassen vorfand. Möglicherweise war es an der Zeit seinem unliebsamen Spross wahrhaftig einen Besuch abzustatten. Und sei es nur, um dem Versager ordentlich den Hintern zu versohlen. Er sah seine Schwiegertochter an.

»Okay. Ich seh mal nach ihm. Abgesehen davon kann ich dir nicht versprechen, dass es einen erfreulichen Ausgang für ihn nimmt. Der Junge raubt mir den letzten Nerv. Ein falsches Wort und er wird eine Zeit brauchen, bis er sich wieder unter die Menschen wagen kann. Länger in jedem Fall, als er benötigt, um danach schmerzfrei zu essen.«

»Das meinst du doch nicht so.« Lorna lächelte.
»Nein, vermutlich nicht. Aber mit Sicherheit wäre es besser, ich würde ihn endlich einmal eine ordentliche Tracht Prügel versetzen. Obwohl ehrlich gesagt glaube ich, bei ihm ist längst Hopfen und Malz verloren.«

»Hast du nicht noch genug von deiner letzten Auseinandersetzung?« Sie deutete auf die verheilenden Wunden auf seinem Gesicht. »Wer ist dir dieses Mal in die Quere gekommen.«

»Ach das ... Weiß nicht genau«, nuschelte er.
Automatisch fuhr er sich mit den Fingern über die wulstigen Striemen. Immerhin entzündeten sie sich nicht. Gray war verhalten optimistisch, dass er von dem Angriff keine dauerhaften Schäden zurückbehielt. Von denen an seinen Bodendielen und der Wand einmal abgesehen.

Über Lornas Stirn huschte ein schneller Schatten. »Du weißt nicht, wem du die Wunden verdankst?«
»Ich ... Doch, natürlich.«
»Und wer war es?«
»Es ... es war nur ein Missverständnis, nichts weiter.«
Sie ließ nicht locker. »Die sehen aus, als hätte ein Vampir sie geschlagen? Hast du dich mit einem der Blutsauger in die Haare bekommen? Ich hab dir doch gesagt, du sollst sie nicht immer derartig provozieren.«

»Ich habe niemanden provoziert!« Er schlug mit der Faust auf die Tischkante und das Holz knackte bedenklich. »Der verdammte Spitzzahn ist einfach in mein Haus eingebrochen. Mitten in der gottverfluchten Nacht. Hat mich aus dem Schlaf gerissen, mir dieses hübsche Andenken verpasst und ist auf und davon.«

»Er lebt?« Lornas Augen weiteten sich.
»Ja ...«, presste Gray hervor. »Der Dreckskerl war verflixt schnell.«
Die Tatsache, dass der Dämmerläufer seiner eigenen Unachtsamkeit das Überleben verdankte, verschwieg er lieber. Irgendwie war ihm das peinlich.

Seine Schwiegertochter bedachte ihn mit einem skeptischen Blick. Nichtsdestotrotz entschied sie, das Thema auf sich beruhen zu lassen.
»Also, dann sprichst du mit Conner?«

»Ja. Werde ich.«
Gray war froh, sich nicht mehr mit der vorangegangenen Nacht befassen zu müssen. Als er an diesem Morgen erwachte, beschloss er, noch bevor seine Füße den Boden berührten, keine weiteren Gedanken an den Eindringling zu verschwenden. Der Kerl war weg und so wie die Sache für seinen Widersacher lief, würde es ihn wundern, wenn der erneut einen fauligen Fuß in sein Haus setzte – das genügte.

»Kannst du sofort gehen?«
»Ich dachte du und Jody wollten einen Ausflug in die Stadt unternehmen?« Er schüttelte den Kopf.
»Ja, schon ... aber ...Ach, Gray ... Ich mache mir wirklich Sorgen. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.«

»Lorna, du kannst nicht jedes Mal, wenn Conner eine Laus über die Leber gelaufen ist, alles stehen und liegen lassen. Wir haben doch schon so oft genau darüber gesprochen.« Er verzog sanft den Mund und sah seine sie an. »Der Taugenichts wird später noch in demselben Schlamassel stecken wie jetzt. Also. Du und Jody, ihr zwei fahrt nach San Myshuno. Streift durch die Läden, auch wenn ich weiterhin der Meinung bin, dass Evergreen Harbour die bessere Wahl wäre, aber nun gut. Sobald ihr zurück seid, mach ich mich auf den Weg rauf zu Conner und gucke, in welche Scheiße er sich dieses Mal geritten hat.«

Fortsetzung: 02.12.2022 | 18.00 Uhr





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